„Inklusion geht alle an“

Seltene Eintracht im Münchner Maximilianeum: Mit den Stimmen aller Fraktionen hat der Bayerische Landtag vor einem Jahr ein Gesetz zur Inklusion an Schulen beschlossen. Es soll die Grundlage für gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung sein – so wie es die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen vorsieht. Nach einem Jahr zieht der Freie-Wähler-Abgeordnete Günther Felbinger (Gemünden) eine erste Bilanz. Der 50-jährige Landespolitiker weiß, wovon er spricht. 16 Jahre hat er als Sportlehrer an der Karl-Kroiß-Schule für Hörgeschädigte in Würzburg Sport unterrichtet.

Frage: Kürzlich hatten Sie im Landtag die Leiter sogenannter Inklusionsschulen zu Gast. Das sind Schulen, die in großer Zahl behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichten. Welche Erfahrungen haben die Lehrer gemacht?

Günther Felbinger: Ich habe extrem engagierte Kollegen kennengelernt, denen die Inklusion ein Herzensanliegen ist. Deshalb funktioniert das Miteinander im Schulalltag vielerorts auch so gut. Die Lehrer sagen aber, sie hätten es leichter, wenn die Politik die Rahmenbedingungen verbessern würde.

Was heißt das denn konkret?

Felbinger: Zum einen darf es keine bürokratischen Hürden geben, wenn beispielsweise Hilfsmittel für förderbedürftige Schüler wie Lesegeräte für Sehbehinderte gebraucht werden. So ein Gerät kostet schnell 20 000 Euro. Für den Sachaufwand sind in der Regel die Kommunen zuständig. Nur haben die knappe Kassen. Wenn man das Konnexitätsprinzip ernst nimmt, muss mehr Geld vom Freistaat oder gar vom Bund kommen. Die Bundesregierung hat die UN-Behindertenkonvention schließlich unterschrieben.

Alles nur eine Geldfrage?

Felbinger: Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif. Es geht aber auch um die Anerkennung. Da bräuchten die Lehrer, die viel Zeit investieren, mal ein Zeichen aus dem Kultusministerium. Ich kann mir vorstellen, dass sie für ihren Einsatz in Sachen Inklusion – das sind ausführliche Gespräche mit Eltern, dem Mobilen Dienst oder Schulbegleitern – Unterrichtsstunden angerechnet bekommen. Auch Schulleiter investieren viel Zeit.

Sind die Lehrer denn richtig ausgebildet?

Felbinger: An den Inklusionsschulen sind wir ganz gut aufgestellt. In den meisten Fällen lernen behinderte und nichtbehinderte Kinder dort schon seit Jahren gemeinsam. Da gibt es viel Know-how. Mit Blick auf die unterschiedlichen Förderbedarfe ist ständige Fortbildung notwendig. Ich plädiere darüber hinaus für ein eigenes Berufsbild Inklusionslehrer. Ein solcher Spezialist kann als Multiplikator an seiner Schule wirken. Wenn wir das Thema ernst nehmen, muss sich auch die Ausbildung verändern.

Es wird also noch dauern, bis Inklusion an Bayerns Schule die Regel ist.

Felbinger: Bestimmt. Ich halte den soften Weg, den wir im Freistaat bei der Inklusion gehen, für sinnvoll und richtig. Das muss wachsen. Im vergangenen Schuljahr hatten wir in Unterfranken fünf Schulen mit dem besonderen Profil Inklusion. Heuer sind es schon zwölf.

Das Land Bremen hat Förderschulen komplett abgeschafft. Ein Vorbild?

Felbinger: Nein. Wie man hört, ist da großes Chaos entstanden. Inklusion für alle geht eben nicht von heute auf morgen. Von solchen Radikallösungen hat niemand etwas, Lehrer und Eltern nicht, und schon gar nicht die Kinder.

Wird der Tag kommen, an dem es keine Förderschulen mehr gibt?

Felbinger: Diesen Tag sehe ich nicht. Schwerstbehinderte bedürfen auch weiterhin so spezieller Förderung, dass es ohne diese Einrichtungen nicht gehen wird. Wichtig ist nur, dass Eltern überall die Wahl haben, sich für die Regel- oder die Förderschule zu entscheiden.

Meist sind es Grundschulen, die Inklusion leben. Was ist, wenn die Kinder älter werden?

Felbinger: Gute Frage. An den weiterführenden Schulen ist der Nachholbedarf besonders groß. Letztlich ist auch das eine Geldfrage. Der Landtag hat für zwei Jahre je 100 neue Stellen für die Inklusion bewilligt, das kostet pro Schuljahr zusätzliche fünf Millionen Euro. Wenn wir weiterkommen wollen, brauchen wir für die Jahre danach weitere Finanzzusagen.

Aber die öffentliche Hand muss sparen, die Staatsregierung will gar Schulden zurückzahlen.

Felbinger: Ich frage zurück: Was ist unserer Gesellschaft die Gleichstellung und die Bildung von Menschen mit Behinderung wert? Letztlich ist alles eine Frage der Prioritäten.

Erschwert das dreigliedrige Schulsystem die Inklusion?

Felbinger: Je länger die Schüler gemeinsam lernen, desto leichter ist auch die Integration von Jugendlichen mit Förderbedarf. Die Gemeinschaftsschule tut sich da leichter.

Die Inklusion hat nicht nur Fans. Es soll Mütter und Väter geben, die fürchten, ihre Tochter oder ihr Sohn kommt im Unterricht zu kurz, wenn sich die Lehrerin oder der Lehrer auch um Kinder mit Behinderung kümmern muss.

Felbinger: Diese Bedenken gibt es, leider. Der Übertritt aufs Gymnasium ihres Kindes könnte wegen der Inklusion in Gefahr sein, haben mir auch Eltern in Unterfranken gesagt. Solche Aussagen tun mir richtig weh. Mehr Toleranz ist nötig, Inklusion darf nicht nur Thema an der Schule sein. Die ganze Gesellschaft ist gefragt, damit wir alle Behinderung als etwas ganz Normales erleben.

Günther Felbinger

Seit 2008 ist Günther Felbinger für die Freien Wähler (FW) Abgeordneter im Bayerischen Landtag. 1962 in Lohr geboren, studierte Felbinger nach dem Abitur und dem Wehrdienst an der Sporthochschule Köln. Zunächst arbeitete der Diplomsportlehrer für den Deutschen Sportbund , ab 1992 war er Sportlehrer an der Karl-Kroiß-Schule für Hörgeschädigte in Würzburg. Seit 2005 ist Felbinger Mitglied der Freien Wähler, für die er 2008 zunächst in den Stadtrat von Gemünden (Lkr. Main-Spessart) gewählt wurde. Seit 2010 ist er Bezirksvorsitzender der Freien Wähler in Unterfranken. Für den Landtag will er auch 2013 wieder kandidieren. micz/FOTO: N. Schwarzott

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