Interview: "Daten - die Währung der Zukunft"

Dass das Handy der Bundeskanzlerin abgehört wurde, hat sich übers Internet am schnellsten verbreitet. Aber ändert das Wissen, dass jeder unter ständiger Beobachtung steht, unser Verhalten im Netz? Ein Gespräch mit der Würzburger Medienpsychologin Astrid Carolus.

Frage: Frau Carolus, hat sich in Zeiten diverser Abhörskandale die digitale Kommunikation verändert?

Astrid Carolus: Bei vielen: nein. Es würde erst dann etwas ändern, wenn wir uns einer Überwachung – oder besser: einer Bedrohung durch Überwachung – insofern bewusst sind, dass wir Gefahren und Risiken bewusst spüren und erkennen. Aber dafür ist das Internet mit all seinen Möglichkeiten noch zu neu.

Aber Facebook gibt es seit bald zehn Jahren, das Internet selbst schon viel länger.

Carolus: Klar, das Internet ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wenn man sich die Zahlen für 2013 anschaut: 95 Prozent der unter 40-Jährigen sind online. Das heißt, wir sind den Umgang mit dem Medium recht gewöhnt und es ist uns auch irgendwie vertraut. Aber wir sind evolutionär nicht darauf vorbereitet.

Was heißt das?

Carolus: Wenn man die Menschheitsgeschichte anschaut, dann sind das Internet und die neuen Technologien keinen Wimpernschlag alt. Im Gegensatz zu Gefahren, die in der Natur auf uns lauern, sind wir auf die Gefahren des Internets evolutionär nicht vorbereitet. Wir haben zum Beispiel keine Reflexe, die uns vor Online-Gefahren warnen und somit schützen. Wenn ein wildes Tier auftaucht, ergreifen wir instinktiv die Flucht. Die Gefahren des Internets hingegen sind für uns kaum greifbar.

Was sind denn die Gefahren?

Carolus: Ich sehe drei beispielhafte Szenarien. Nummer eins: Momentan werden wir vielleicht mit personalisierter Werbung zugemüllt, weil Wirtschaftskonzerne übers Netz erfahren, wofür wir uns interessieren. Da muss man sich fragen: Will ich da mitmachen? Aber es nervt höchstens, diese Werbung zu bekommen. Kritischer wird es da schon bei Beispiel zwei, nehmen wir einmal Google. Wer das Internet nutzt, nutzt Google. Die verkaufen Smartphones, Tablets, Musik und Bücher – und sammeln dabei jedes einzelne Wort, das man jemals gegoogelt hat, jedes Lied, das man hört und jedes Wort, das man liest. Das ist dann schon bedrohlicher. Wenn das so weitergeht, kann Google in zehn, 15 Jahren über fast alle Internetnutzer Profile erstellen. Dabei liefern ihre Dienste und die Geräte, die sie verkaufen, ständig neue Daten, die dieses Bild noch verfeinern.

Und Szenario drei?

Carolus: Szenario drei ist abstrakter. Es zeigt auf, wie wichtig es ist, sich Gedanken darüber zu machen, wer abgefangene Daten bekommt. Stellen wir uns nur einmal vor, Deutschland würde einen Regimewechsel erfahren und wir hätten plötzlich wieder eine Diktatur oder zumindest ein weniger demokratisches System als heute. Zum Glück ist das höchst unwahrscheinlich, aber man stelle sich nur mal vor, in einem solchen Regime hätten die herrschenden Mächte alle Informationen darüber, wer zu einer verfolgten Personengruppe gehört, zum Beispiel darüber, wer sich schon einmal kritisch über die Regierung geäußert hat.

Also ändern sich durch Datenbesitz auch die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft?

Carolus: Ganz klar. Daten werden die Währung der Zukunft sein, vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. Und man muss sich fragen, ob man damit einverstanden ist beziehungsweise wie man als Individuum und als gesamte Gesellschaft damit umgehen möchte.

Bislang gab man in sozialen Netzwerken Daten ja auch teilweise gerne preis. Ist nach den Snowden-Enthüllungen eine Rückentwicklung zu erkennen?

Carolus: Die Snowden-Enthüllungen liegen noch nicht lange genug zurück, um eine nachhaltige und grundsätzliche Änderung der Einstellung und des Verhaltens festzustellen. Was man aber schon merkt: Die aktuelle Debatte – derzeit die um Merkels Handy – bekommt sehr viel Öffentlichkeit. Zudem ist das Interesse an Verschlüsselungsstrategien gestiegen, und das nicht nur bei Experten, sondern auch bei Laien. Es sieht so aus, als würde unser Bewusstsein für diese Themen derzeit größer werden.

Hat sich das Verständnis von Privatsphäre in den letzten zehn, 15 Jahren geändert?

Carolus: Ich glaube schon, vor allem bei den jüngeren Menschen. Facebook-Gründer Marc Zuckerberg hat mal gesagt, man brauche keine Privatsphäre mehr. Ich glaube zwar nicht, dass Jugendliche ihm da tatsächlich zustimmen würden. Schließlich geben Jugendliche längst nicht alles auf Facebook preis, sondern machen die meisten Daten nur bestimmten Personengruppen zugänglich. Im Vergleich zur Generation der 1980er, die sich vehement gegen eine Volkszählung wehrte, scheint die Vorstellung von Privatsphäre und von dem, was schützenswert ist, heute aber tatsächlich eine andere.

Was ist dann die Herausforderung der Zukunft?

Carolus: Wichtig ist vor allem, dass das Bewusstsein weiter wächst und erst einmal grundlegende Fragen beantwortet werden: Wie will ich im Internet auftreten? Wie viel will ich verraten? Um welchen Preis? Wo sind Risiken? Wie schütze ich meine Daten?

Spielen Staat und Regierung da eine tragende Rolle?

Carolus: Das ist hoch spannend. Wir haben eine Situation, auf die wir nicht so recht vorbereitet scheinen. Der Einzelne nicht und bei der Politik bin ich mir auch nicht ganz sicher. Da kann man schon fragen: warum nicht? Und: Warum scheinen manche Wirtschaftskonzerne besser vorbereitet?

Und was muss jetzt passieren?

Carolus: Vielleicht sollte man fragen, ob die Politik sich nicht mehr Experten auf ihre Seite holen muss. Und auch Gesetzeslagen überdenken: Wie kann Datenverkehr in Zukunft laufen? Wie wird verschlüsselt werden? Welche Daten sollten vielleicht nicht über Server, die in den USA stehen, ausgetauscht werden? Wie kann ein adäquates Gegengewicht zu den großen Internetfirmen gebildet werden?

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