WÜRZBURG

Interview mit Bischof Hofmann: "Zölibat ist ein hohes Gut"

„Es tut mir weh, ich hätte mehr Ehrlichkeit erwartet“: Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann über das Verhalten von Pfarre... Foto: FOTO Daniel Peter

Das Bekenntnis des Hammelburger Pfarrers Michael Sell zu Frau und Kind schlägt hohe Wellen im Bistum. Ein Gespräch mit dem Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann (67) über die Entscheidung des Priesters, das Vorgehen des Bistums und über Zölibat und Ehe.

Frage: Herr Bischof, wie beurteilen Sie den Fall Sell?

Bischof Friedhelm Hofmann: Ich hätte mir gewünscht, dass er diesen Schritt diskreter vollzogen hätte und nicht seinen Rücktritt zum Anlass nimmt, um eine öffentliche Kampagne gegen den Zölibat zu starten. Das halte ich für unfair. Er hat bei seiner Weihe freiwillig und im vollen Bewusstsein dieses ehelose Leben bejaht. Wenn sich seine Haltung nicht geändert hat, sollte er zumindest nachdenken, dass ein gegebenes Versprechen nicht ohne weiteres gebrochen werden darf. Jetzt von einem Akt der Befreiung zu sprechen, halte ich für falsch.

Wie bindend ist dieses Versprechen der Ehelosigkeit?

Hofmann: Es ist genauso bindend wie das lebenslange Treueversprechen, dass sich Eheleute beim Empfang des Ehe-Sakramentes geben.

Dennoch: Michael Sell erfährt viel Zustimmung.

Hofmann: Er war ein guter Pfarrer. Aber dieses Versprechen, ehelos zu leben im Vertrauen auf Gott, ist ein Wagnis, das der Mensch eingeht. Die Ehelosigkeit des Priesters hat das Einlassen auf Gott zum Hintergrund. Indem er gestärkt aus dieser Beziehung zu Gott herausgeht, kann er anderen gegenüber seinen Glauben kraftvoll vertreten. Ich habe auf Ehe und Familie nicht verzichtet, weil ich einen Job suchte, sondern weil ich meine Überzeugung lebe. Das ist kein Versprechen gegen die Ehe, sondern eine Entscheidung für die radikale Christusnachfolge.

Musste sich Priester Sell, zugespitzt formuliert, entscheiden zwischen Pflicht und Liebe?

Hofmann: Ich würde Ehelosigkeit nicht als Pflicht bezeichnen. Nein, das ist auch Liebe. Liebe zu Gott.

Wie hätte Michael Sell geholfen werden können?

Hofmann: Ich hätte erwartet, dass er zu einem Zeitpunkt um Rat gefragt hätte, da die Entscheidung noch offen war. Wenn ein solches Gespräch am Anfang stattfindet, hat man noch die Möglichkeit der Prüfung.

Wann wäre dieser Zeitpunkt gewesen?

Hofmann: Wenn er merkt, ich habe mich verliebt und wenn er spürt, er gerät jetzt auf eine Schiene, die mit dem Versprechen der Ehelosigkeit nicht mehr vereinbar ist: dann muss das Gespräch sofort erfolgen. Er darf keinen doppelten Weg gehen. Ich hatte mit Pfarrer Sell vor zwei Jahren ein solches Gespräch. Damals hat er ganz klar gesagt: ,Nein, es ist nicht so'. Wenn er da offen mit mir gesprochen hätte, hätte man Brücken bauen können.

Sie haben also vor zwei Jahren erstmals von Gerüchten um eine Geliebte des Pfarrers gehört?

Hofmann: Ja, ich habe davon gehört und ihn danach gefragt. Er hat das verneint. Daraufhin habe ich nichts weiter unternommen. Ich habe ihm vertraut. Für mich war diese Aussage wie eine Tatsache. Ich gehe nicht hinterher und spioniere Leute aus.

Von wem haben Sie das Gerücht gehört?

Hofmann: Es waren jedenfalls keine anonymen Verdächtigungen, wie zu lesen stand. Ich bekam den Hinweis aus seinem engsten Kreis.

Fühlen Sie sich von Michael Sell hintergangen?

Hofmann: Es tut mir weh, ich hätte mehr Ehrlichkeit erwartet. Ich hatte mit ihm hier vor wenigen Tagen ein gutes und sehr offenes Gespräch. Wie danach in der Öffentlichkeit Wunden aufgerissen wurden, finde ich nicht gut. Auch dass Priester jetzt unter so eine Art Generalverdacht kommen, ist nicht in Ordnung.

Zeigt das große Interesse nicht dennoch, dass es an der Zeit wäre, den Zölibat zu hinterfragen? Der Priestermangel spricht eine deutliche Sprache.

Hofmann: Natürlich treibt uns das um. Nur, die Konsequenz, die Sie ziehen, stimmt nicht. Der Priestermangel ist nicht allein durch den Zölibat bedingt, sondern durch ein Abflauen des Glaubens. In der evangelischen Kirche gibt es den Zölibat nicht, trotzdem haben sie dort dieselben Probleme wie wir. Es liegt daran, dass der Glaube in unserer Gesellschaft nicht mehr diese innere Verwurzelung hat wie früher. Wir müssen den Glauben wieder zum Glänzen bringen. Für mich ist der Zölibat ein hohes Gut. Ich muss mich fragen, wie kann ich in der Gesellschaft seinen Wert vermitteln?

Würde die Abschaffung des Zölibats nicht wenigstens zur Lösung beitragen?

Hofmann: Das sehe ich nicht so. Die Ehe ist in der Bevölkerung noch ein Grundgut, ein großer Wert. Aber wie viele Ehen scheitern? Ich kann doch nicht aufgrund der Tatsache, dass viele Ehen in die Brüche gehen, die Ehe abschaffen. Ebenso verhält es sich mit dem Zölibat. Die Ehelosigkeit der Priester ist wie ein Stachel im Fleisch dieser Gesellschaft, die so sexualisiert ist. Seine Sexualität in alle Richtungen ausleben zu können, ist das die Lösung des Problems?

Vielleicht geht es den Priestern gar nicht so sehr um Sexualität, sondern um Vereinsamung, Geborgenheit, menschliche Wärme?

Hofmann: Das ist richtig. Wir diskutieren, ob wir Priestern das Leben in einer größeren Wohngemeinschaft ermöglichen können, damit diese Einsamkeit nicht aufkommt.

In Zuschriften an die Redaktion entsteht der Eindruck, viele Pfarrer würden in ähnlichen Verhältnissen leben wie Pfarrer Sell, interessiert Sie das oder schauen Sie darüber hinweg?

Hofmann: Natürlich interessiert mich, wie unsere Priester leben. Aber es ist nicht so, dass ein Großteil des Klerus in einer Doppelmoral lebt. Pauschalverurteilungen sind das Gift, das jetzt entsteht. Damit zerschlägt man die heroischen Ansätze vieler Priester, die sich in der Seelsorge aufopfern und nun plötzlich unter Generalverdacht stehen. Das darf doch nicht wahr sein!

Ist es für Sie ein Zwiespalt, dass evangelische Pfarrer, die zum Katholizismus konvertieren, weiter mit ihrer Familie leben können, katholischen Priestern aber der Weg zu Frau und Kind versperrt wird?

Hofmann: Zwei Dinge dazu: Erstens, die Kirche schätzt die Ehe als Sakrament sehr hoch ein. Wenn ein evangelischer Pfarrer konvertiert und die Erlaubnis bekommt, Priester zu sein, dann ist das nicht der eigentliche Weg, sondern eine große Ausnahme. Wir sagen dann, weil die Ehe schon besteht, darf sie nicht aufgelöst werden. Das ist eine Sonderregelung für jene, die ihre Berufung auf einem ganz anderen Weg finden. Zweitens sagt das Zweite Vatikanische Konzil: Der Zölibat ist ein so hohes Gut, dass die Kirche daran festhält.

Priester, die Kinder missbraucht haben, versetzt man in stille Klöster oder sucht andere Verwendungen . . .

Hofmann: Nein. Zum einen möchte ich Priester, die um der Ehe willen den Priesterberuf verlassen, nicht auf eine Ebene mit jenen stellen. Zum anderen wird nicht mit zweierlei Maß gemessen. Eine Suspendierung steht in jedem Fall an. Auch hier gehen wir die Probleme offen an.

Könnten verheiratete Pfarrer den Eheproblemen der Gemeindemitglieder nicht glaubhafter begegnen?

Hofmann: Ich erzähle ihnen ein Beispiel: Bei mir ist vor Jahren ein evangelischer Schauspieler gewesen, der elfmal verheiratet gewesen war. Er kam zu einem katholischen Geistlichen, weil er sich von mir eine größere Objektivität erwartete als von jemandem, der verheiratet ist und seine Erlebnisse auf andere überträgt. Ich habe im Kölner Dom 20 Jahre lang jede Woche 25 Stunden Beichte gehört. Ich glaube, dass ich einen größeren Einblick in die Ehe habe als mancher Verheiratete. Ich habe alle Facetten und Probleme im seelsorgerischen Gespräch mitbekommen. Das ist sicher kein Hindernis, um Eheleuten zu helfen.

Wie gehen Sie mit Priestern um, die ihr Amt aufgeben? Ist das Tischtuch zerschnitten?

Hofmann: Nein. Wir versuchen Brücken zu bauen und geben eine Starthilfe für den beruflichen Neuanfang. Der Betroffene bleibt Mitglied der Kirche. Wenn ein Priester laisiert ist, gibt es für ihn auch in der Kirche weitere Betätigungsfelder.

Wie ist das Verhältnis zu Michael Sell?

Hofmann: Er hat mir gesagt, dass er Perspektiven habe. Wir helfen ihm, diesen Übergang zu schaffen, auch finanziell. Man kann nicht sagen, dass die Kirche unbarmherzig ist. Manche Hilfe bleibt eben in einem Bereich, der nicht an die große Glocke gehängt wird.

Es gibt immer wieder das Gerücht, die Kirche würde Alimente zahlen für Kinder von Priestern.

Hofmann: Kirche bezahlt keine Alimente. Solche Kassen gibt es nicht. Wie so ein Märchen entsteht, weiß ich nicht. In Köln kannte ich einen Fall, wo ein Priester Vater wurde und sich weiter für den Priesterberuf entschieden hat. Selbstverständlich musste er dann seinen Verpflichtungen für das Kind nachkommen. Aber das ist seine Angelegenheit.

Sie sagten, dem Glauben fehlt der Glanz. Das verwundert angesichts der Bedürfnisse nach Werten, nach Spiritualität. Was macht die Kirche falsch?

Hofmann: Das frage ich mich auch. Wenn Sie mir da eine Antwort liefern könnten, wäre ich dankbar. Kardinal Josef Höffner wurde mal gefragt, warum es die Kirche heute so schwer hat. Er antwortete: ,Uns fehlen die Heiligen'. Ich sehe das auch so. In Würzburg wollen wir Kirche für die Menschen sein.

Vielleicht braucht es auch einen leichteren Zugang ? la Hape Kerkeling, dem Pilger auf dem Jakobsweg?

Hofmann: Ich verstehe, was Sie meinen. Ja, wir brauchen eine gewisse Leichtigkeit im Glauben. Denn er führt ja zur Freude und zur Lebensbejahung.

Trafen sich mit Bischof Friedhelm Hofmann zum Gespräch über den Fall des Priesters Michael Sell: die Main-Post-Redakteur... Foto: FOTO Schwessinger

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