Würzburg

Kommentar: Darf noch reisen, wer das Klima schützen will?

Sorge um CO2-Emissionen und Klimawandel auf der einen Seite, Reiselust auf der anderen. Ein unlösbares Dilemma? Foto: Silas Stein, dpa

Schüler demonstrieren zu Tausenden. Ein Volksbegehren erzwingt mehr Artenschutz. Diesel werden geächtet. Das ist wichtig, notwendig, vielleicht schon fast zu spät. Denn dass der Mensch dabei ist, die Erde zu zerstören, ist bekannt. Nicht erst seit Greta Thunberg oder den alarmierenden Berichten des Weltklimarates. Aber durch sie wächst das schlechte Gewissen. Endlich. Wer nicht völlig zukunftsignorant ist, macht sich Gedanken. Und spätestens kurz vor Ferienbeginn stellt sich die Frage: Darf eigentlich noch reisen, wer das Klima schützen will?

Geht es rein nach der CO2-Bilanz, ist die ehrliche Antwort: Nein. Aber Reisen und Klimaschutz als Entweder-Oder zu begreifen, macht keinen Sinn. Etwas von der Welt zu sehen gehört in einer offenen Gesellschaft dazu. Entscheidend für die Zukunft ist, wie wir reisen. Und da gilt – so abgedroschen es klingt – weniger ist mehr.

Reisen als Superlativ – so oft wie möglich, so weit und exklusiv wie möglich, so billig wie möglich – schadet. Denn die Folgen des Klimawandels lassen sich nur dann halbwegs beherrschen, wenn die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert auf maximal 1,5 Grad begrenzt wird. Dafür muss der Ausstoß von CO2 drastisch sinken. Das Problem: In Deutschland erzeugt jeder Einzelne im Schnitt mehr als zehn Tonnen CO2 pro Jahr. Klimaverträglich sind nur rund zwei Tonnen pro Kopf – weniger als ein Langstreckenflug.

Mehrere Tonnen CO2 pro Kopf werden bei einer Kreuzfahrt verursacht. Muss man deshalb auf die Seereisen verzichten? Foto: Clara Margais, dpa

Allein ein Städtetrip nach New York produziert laut Initiativen wie "atmosfair" bis zu 3,6 Tonnen CO2 pro Passagier. Die 14-Tage-Kreuzfahrt verursacht ebenfalls knapp vier Tonnen pro Kopf, ein Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Mallorca mehr als eine halbe Tonne. Und selbst die achtstündige Autofahrt von Würzburg an die Adria kommt hin und zurück auf über 450 Kilogramm.

Die Lösung liegt nicht darin, aufzuhören zu reisen – sondern es anders zu tun

Zweifellos: Nur wer auf all diese Reisen verzichtet, belastet die Umwelt nicht. Das radikal zu leben, verdient Respekt. Es bedeutet den Verzicht auf persönlichen Luxus, Selbstverwirklichung, Spaß, sicher auch auf unvergessliche Erfahrungen. Für die Umwelt ist das schlicht das Beste. Für die Mehrheit ist es wohl zu kompromisslos.

Erholung, Spaß, den Horizont erweitern. Reisen per se ist nicht schlecht – und sollte auch nicht verboten werden. Foto: Hauke-Christian Dittrich, dpa

Es wird nichts bringen, statt Fortschritt den generellen Rückschritt zu preisen, das Fliegen zu verteufeln und Urlaube zu verbieten. Denn 2018 sind 55 Millionen Deutsche verreist, wie die Reiseanalyse zeigt. Mehr als je zuvor. Per se ist das auch nicht schlecht. Wer andere Länder, Menschen, Kulturen kennen lernt, erweitert seinen Horizont, bildet sich, wird toleranter, weltoffener. Das ist wichtig, ebenso wie der Klimaschutz. Deswegen wird die Lösung nicht darin liegen, aufzuhören zu reisen. Sondern darin, es anders zu tun. Bewusster. Und verantwortlicher.

Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen

Dank findiger Reiseveranstalter scheint das längst ganz einfach möglich. Mit einer Spende an eine Klimaschutzorganisation wird die CO2-Belastung der Urlaubsreise scheinbar per Mausklick kompensiert, das schlechte Gewissen beruhigt. Besser als nichts. Inwiefern davon jedoch wirklich die Umwelt profitiert, ist umstritten.

Ehrlicher, aber auch unbequemer, ist es, das eigene Reiseverhalten zu verändern. Verantwortung für die individuelle CO2-Bilanz zu übernehmen. Verzichten geht dabei nicht nur radikal. Wer den lang erträumten New-York-Besuch nicht missen will, könnte zum Beispiel im Jahr darauf am Boden bleiben, keine Flugreise buchen. Wer im Winter dem kalten Wetter mit einer Karibik-Kreuzfahrt entflieht, könnte den Sommerurlaub bewusster angehen, mit dem Zug ans Meer oder in die Berge zum Wandern. Auch das ist Erholung. Für einen selbst. Und für das Klima. Zumindest dann, wenn nicht mehr nur einzelne Idealisten etwas ändern – sondern alle.

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