LONDON

Kommentar: Der britische Wahlkampf war verschwendete Zeit

Vier Wochen lang lief nun das Rennen um den Parteivorsitz der Konservativen, in denen das Königreich eine weitere Farce vorgeführt bekam. Boris Johnson und Jeremy Hunt traten in einem unnötigen Wettbewerb gegeneinander an, dabei stand das Ergebnis fest, bevor der finale Widerstreiter von Johnson auserkoren war.

Der schillernde Brexit-Wortführer hatte stets den Rückhalt der mehrheitlich europaskeptischen Basis, das war kein Geheimnis. Trotzdem verschwendete das Establishment einen wertvollen Monat mit Debatten, die den Namen nicht verdienen. Um Fakten ging es genauso wenig wie um einen machbaren Weg aus der Brexit-Sackgasse oder Lösungen für die Probleme dieses Landes.

Nicht wenige nahmen an, es könnte nicht absurder, nicht einfältiger, nicht realitätsfremder werden auf der Insel, um dann frustriert festzustellen, dass es doch immer noch tiefer geht. Hunt hat sich in seinem Opportunismus übertroffen und Johnson scheiterte bei seinem Versuch, auf seriösen Staatsmann zu machen. Und wird dennoch in dieser Woche als Premierminister Theresa May in der Downing Street ablösen.

Es dürfte ein böses Erwachen geben, insbesondere für Johnson. Einen unbändigen Ehrgeiz für das höchste Amt im Land zu haben, ist das eine. Am Ende diese große Verantwortung zu tragen und weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen, das andere. Lediglich mit Optimismus und humorigen Reden können die großen Fragen nicht zu beantworten sein.

Johnson ist unerfahren, hatte nur für zwei Jahre den Posten des Außenministers inne und diese Zeit war geprägt von Peinlichkeiten. Seine Anhängerschaft meint, er werde ihnen den EU-Austritt liefern, den sie sich wünschen – wie auch immer der genau aussehen mag. Die konservativen Abgeordneten denken, Johnson könne als Retter der Partei sowohl den Rechtspopulisten der Brexit-Partei, Nigel Farage, als auch den Oppositionschef von Labour, Jeremy Corbyn, schlagen, sollte es zu Neuwahlen kommen.

Diese Strategie dürfte sich als fehlgeleitet herausstellen. Johnson mag in Teilen der Bevölkerung noch immer beliebt sein. Doch die Verfehlungen und Entgleisungen der letzten Jahre, sein schamloser Wahlkampf für den Brexit, in denen er vor allem Halbwahrheiten verbreitete – all das hat Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Er wird geliebt oder gehasst, dazwischen gibt es nicht viel. Das ist keine gute Ausgangslage für einen neuen Premierminister, dessen drängendste Aufgabe es wäre, das tief gespaltene Volk zu einen.

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