Würzburg

Kommentar: Rente mit 70 wäre das kleinere Übel

Wenn Rentner arbeiten gehen, müssen Unternehmen und Politik auch altersfreundliche Bedingungen schaffen.
Berufstätigkeit im Alter: Immer mehr Rentner sind fit und können und wollen weiter arbeiten.  Foto: dpa, Karl-Josef Hildenbrand

Das Rentensystem ist in Gefahr! Die Deutschen beziehen fast 20 Jahre lang Rente. 1960 waren es nur neun Jahre. Ist die Finanzierung angesichts der steigenden Lebenserwartung gesichert? Oder müssen wir länger arbeiten? Tatsache ist, dass immer mehr Deutsche auch mit 65 Jahren noch arbeiten gehen, ja manche sogar mit 75 Jahren noch im Beruf stehen.

Immerhin sagen 90 Prozent der jobbenden Rentner, sie hätten Spaß an ihrer Arbeit. Aber 50 Prozent sind auf das Geld auch angewiesen, heißt es in der Studie der Arbeitsagentur. Positiv ist: Wer im Rentenalter arbeitet, hat mehr Geld zur Verfügung, gibt nicht nur sein Fachwissen weiter, sondern lernt auch selbst etwas dazu und bleibt flexibel. Man hat das gute Gefühl, dass man weiter gebraucht wird.

Qualifizierte Arbeitskräfte werden knapp

Wer heute 65 Jahre alt ist, hat im Durchschnitt noch 22 Jahre vor sich. Den größeren Teil davon übrigens bei guter Gesundheit, prognostizieren Altersforscher. Die Gesellschaft wird älter und schrumpft. Der demografische Wandel ist in vollem Gang. Qualifizierte Arbeitskräfte werden knapp. Die Altersstruktur wird sich in Zukunft in vielen Unternehmen weiter verschieben: mehr Alte, weniger Junge. Unternehmen sind also gefordert, sich diesem Wandel zu stellen.

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Azubi Max erklärt die Rente

Immer noch gehen viele Arbeitnehmer früher in Rente als sie müssten. Dabei haben Ältere durchaus Potenzial: Sie haben Wissen und Erfahrung gesammelt und sind ein unschätzbares Kapital. Nun liegt es an den Arbeitgebern, auch bessere Arbeitsbedingungen für Ältere zu schaffen. Höhenverstellbare Schreibtische oder Arbeitsplatzbrillen sind da nur ein Anfang. Auf Ältere abgestimmte Weiterbildungen und gesundheitliche Vorsorge müssen als entscheidende Investitionen begriffen werden. Nur so wird es gelingen, ältere Mitarbeiter länger am Arbeitsplatz zu halten.

Bislang arbeiten vor allem Akademiker, Freiberufler und Selbstständige besonders lange. Studien haben gezeigt, dass diese Personengruppen meist selbst entscheiden können, wann und wie viel sie noch arbeiten möchten – oft auch unabhängig vom Gehalt. Aber wer Lücken in seiner Erwerbsbiografie hat – zum Beispiel durch die Erziehungszeiten von Kindern oder durch viele Jahre Teilzeitarbeit – und so auch weniger Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt hat, der arbeitet gezwungenermaßen länger. Frauen gehören zu den Verliererinnen dieses Rentensystems. Deutlich häufiger als Männer sind sie im Alter auf Zusatzeinkünfte angewiesen.

Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentner

Doch nicht alle können es schaffen, auch in hohem Alter noch zu arbeiten. Wer körperlich schwer arbeitet oder aufgrund der Arbeitsbelastung psychisch überfordert ist, wird auch künftig nicht bis 70 durchhalten können. Für diese Personengruppen muss es möglich sein, mit akzeptablen Abschlägen vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.

Mit der Flexi-Rente hat die Politik einen Akzent gesetzt: Wer will, darf länger arbeiten und hat dann auch mehr Geld in der Tasche. Denn die Flexi-Rente schafft die Möglichkeit, auch noch im Rentenalter in die Rentenkasse einzuzahlen und die eigene Rente so weiter zu erhöhen. Wenn das Rentensystem so bestehen bleiben soll, wie es ist, dann hat Udo Jürgens recht: dann ist „mit 66 Jahren noch lange nicht Schluss“. Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern wird in Zukunft weiter deutlich abnehmen. Dann müssen immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren. Das kann nicht funktionieren. Entweder müssen dann die Rentenbeiträge deutlich erhöht oder die Renten dramatisch gesenkt werden. Da ist die Rente mit 70 das kleinere Übel.

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