Berlin

Kommentar: Schluss mit Blockaden beim Klimaschutz

Immer wieder wird für mehr Klimaschutz demonstriert. Die Beteiligten meinen es gut, doch der Umwelt bringt das wenig. Deren Schutz kann nur eine breite Allianz sicherstellen.
Mehrere Tausend Bauern aus ganz Deutschland haben am Dienstag gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung in Berlin demonstriert.
Foto: Wolfgang Kumm, dpa

Vor knapp zwei Monaten demonstrierten ein paar hundert Aktivisten der Bewegung Extinction Rebellion in Berlin, um auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Am Dienstag demonstrierten mehrere Tausend Landwirte mit ihren Treckern in Berlin, um auf die aus ihrer Sicht katastrophalen Produktionsbedingungen in ihrer Branche aufmerksam zu machen. Zwei Seiten? Ja. Aber die einer Medaille.

Die kultig langhaarigen Aktivisten in bunten Klamotten und die praktisch kurz geschorenen Landwirte in funktionaler Arbeitskleidung sind nur auf den ersten Blick meilenweit voneinander entfernt. Politisch, idealistisch, gesellschaftlich scheinen zwar Welten zwischen ihnen zu liegen. In Wirklichkeit sind sie ganz nah beieinander.

Die erste Gemeinsamkeit: Klimaaktivisten wie Landwirte wählten das Mittel der Blockade, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Die einen besetzten gute eine Woche lang Kreuzungen in der Hauptstadt, die anderen blockierten mit ihren Hightech-Schleppern den Verkehr in und um Berlin.

Vor allem aber treten die einen wie die anderen für mehr Klimaschutz ein. Während Extinction Rebellion dabei vergleichsweise einfach argumentieren kann – die Anhänger sind schlichtweg gegen alles, was der Umwelt schadet -, ist das bei den Landwirten schwieriger.

Die Landwirte müssen sich der Debatte stellen

Denn die Bauern müssen sich schon mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass zu viel Düngemittel auf den Äckern das Trinkwasser belasten. Sie müssen sich der Debatte stellen, ob nicht auch sie mit Monokulturen dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Insekten um etwa 70 Prozent zurückgegangen ist. Wenn sie jetzt dagegen protestieren, dass ihnen scharfe Umweltauflagen den Profit versauen, ist das zunächst wenig eingängig.

In der Debatte darf aber nicht vergessen werden, dass die Bäuerinnen und Bauern in Deutschland auch Umweltschützer sind. Sie arbeiten in und mit der Natur. Sie haben keinerlei Interesse, die Umwelt und damit ihre Arbeitsgrundlage zu zerstören. Sie wollen ihren Kindern, Neffen und Nichten eine lebenswerte Welt hinterlassen. Sie sorgen durch ihre Arbeit dafür, dass Kultur- wie Naturlandschaften in Deutschland erhalten bleiben.

Am Ende also wollen alle eine Welt, auf der es sich leben lässt. Eine, die sich nicht ständig weiter aufheizt. Eine Erde, auf der nicht das Trinkwasser knapp wird und auf der – mittlerweile auch in Deutschland – ältere Menschen den Hitzetod sterben. Die Wege dahin mögen unterschiedlich sein, doch darüber kann man reden. Dialogbereit sind alle Seiten, die Aktivisten von Extinction Rebellion, die Landwirte, die Umweltverbände und auch die meisten Politiker, sofern sie nicht die Interessen eines Lobbyverbandes über die des Volkes gestellt haben.

Ein gemeinsamer Plan für die Zukunft muss schnell auf den Tisch

Sie müssen nur endlich alle die Protestphase hinter sich lassen. Statt Straßen zu blockieren, statt sich im Bundestag zu beschimpfen, ist es jetzt vonnöten, sich um den runden Tisch zu versammeln, sich zu vertragen und einen gemeinsamen Plan für die Zukunft zu entwerfen. Dieser Plan muss verschiedene Interessen unter einen Hut bringen. Das hat in der Vergangenheit in Ansätzen ja schon ganz gut funktioniert. Als Rot-Grün an der Macht und Renate Künast Landwirtschaftsministerin war, da flogen zwischen Bauern und Grünen zunächst die Fetzen. Zum Schluss debattierten Ökos und Agronomen auf Augenhöhe.

Vor allem muss dieser Plan sehr schnell auf den Tisch. Denn die einschlägigen Berichte dieser Tage, etwa der Vereinten Nationen oder der Bundesregierung, zeigen übereinstimmend, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt. Wenn in den nächsten Jahren nichts geschieht, dann ist der Klimawandel nicht mehr zu stoppen. Da helfen dann auch keine Blockaden mehr.

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