Würzburg

Kommentar: Warum es einen Masterplan Kultur braucht - sofort!

In diesen Tagen haben Wissenschaft und Politik das Wort. Das ist richtig so. Dennoch ist es gefährlich, dass die Kultur weit hinten auf der Prioritätenliste gelandet ist.
Der Max-Littmann-Saal im Bad Kissinger Regentenbau, Hauptschauplatz des Kissinger Sommers. Er wird dieses Jahr, wie viele andere Säle, leer bleiben - wegen Corona.
Der Max-Littmann-Saal im Bad Kissinger Regentenbau, Hauptschauplatz des Kissinger Sommers. Er wird dieses Jahr, wie viele andere Säle, leer bleiben - wegen Corona. Foto: Mathias Wiedemann

Künstler, die auf Hartz IV verwiesen werden, Theater und Veranstalter, die in der Luft hängen, Museen die – im Gegensatz zu Baumärkten – nicht öffnen dürfen: Die Kultur hat derzeit wenig zu melden. Das ist eine fatale Fehlentwicklung. Lassen wir also kurz die Virologie beiseite, die Infktions-Hochrechnungen, die Pandemie-Verlaufskurven. Sprechen wir über Kultur.

Anders als Ministerpräsident Markus Söder in seiner jüngsten Corona-Pressekonferenz, in der er das Wort "Kultur" nicht einmal in den Mund nahm. Sondern nur den einen Satz sagte: "Jetzt im Moment ist sowieso alles nach wie vor nicht erlaubt". Und in der er, auf Nachfrage, versprach, man werde "im Laufe der Zeit" Kriterien dafür entwickeln, was künftig als Großveranstaltung zu gelten hat. Als Beispiele fielen ihm einstweilen nur "Feste" und "Bierzelte" ein.

Wenn dann noch der Wirtschaftsminister rügt, es würden zu viele unzureichend ausgefüllte Anträge auf Soforthilfe  eingereicht, er dabei aber unerwähnt lässt, dass die Hilfskriterien auf viele Solokünstler gar nicht erst anwendbar sind, weil sie nicht die geforderten Betriebsausgaben vorweisen können - dann klingt das nicht, als stünde die Kultur im Freistaat auf der Prioritätenliste allzu weit oben.

Es geht hier ausdrücklich nicht um die Forderung nach sofortiger Öffnung der Theater

Ja, es geht in diesen Wochen und Monaten weltweit um Leben und Tod. Ja, wir werden ein Massensterben nur abwenden können, wenn wir weiter diszipliniert und besonnen essenzielle Regeln einhalten. Deshalb stehen hier ausdrücklich nicht Forderungen, die Theater schnell wieder zu öffnen oder verbindliche Termine festzulegen, wann was wieder erlaubt sein wird. Die kann niemand nennen.

Zum Leben gehört Kultur! Wer jetzt einwendet, Kunst sei ein teurer Spaß für irgendwelche (Bildungs-)Eliten, finanziert von der Allgemeinheit, der man keine Wahl lässt, dem sei entgegnet, dass es keinen Lebensbereich gibt, der nicht von gestalterischer Energie geprägt ist. Kunst formt unsere Vorstellung vom Menschsein, Kunst hilft uns, uns selbst und andere besser zu verstehen. Kunst gestaltet unsere Städte, unsere Wohnungen, unsere Kleider. Am Ursprung selbst der lieblosesten Massenproduktion stand einst ein kreativer Impuls.

Es ist herzzerreißend, wenn man sich klarmacht, was derzeit alles brachliegt. Wenn wir als Gemeinwesen nicht sehr bald anfangen, uns ernsthaft mit den Bedürfnissen all der Menschen auseinanderzusetzen, die unsere Kulturlandschaft gestalten, dann werden die Schäden irreparabel sein.

Ernsthafte Kunstausübung fordert den ganzen Menschen. Man kann nicht kein Künstler mehr sein, nur weil man seine Kunst gerade nicht öffentlich ausüben kann. Kunst hat oft etwas mit Selbstausbeutung, mitunter sogar Selbstaufgabe zu tun, auch wenn das jetzt nach deutsch-romantischer Verklärung klingen mag. Deshalb ist die Rendite, die Künstlerinnen und Künstler erzielen, in so vielen Fällen so verheerend gering, nicht erst seit Corona. Doch seit Corona stehen viele von ihnen finanziell vor dem Nichts.

Wir verdanken den Künstlerinnen und Künstlern viel, und wir werden sie noch brauchen

Wir müssen Wege finden, den Menschen durch diese Zeit zu helfen, denen unser Land den Status einer weltweit beneideten Kulturnation verdankt. Und zwar, ohne sie zu Bittstellern oder Almosenempfängern zu machen. Wir verdanken den Kulturschaffenden viel, und wir werden sie noch brauchen. Künstler sind nicht nur systemrelevant, sie sind menschheitsrelevant.

Nichts anderes hat Richard von Weizsäcker mit dem dieser Tage beklemmend oft zitierten Satz gemeint: "Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert."

Wenn dieser Satz auch in Zukunft noch Bedeutung haben soll, brauchen wir einen Masterplan Kultur. Sofort.

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