Würzburg

Kommentar: Wir brauchen eine Kirche 2.0

Am Heiligen Abend sind die Kirchen voll. Doch im Rest des Jahres ringt die Kirche um ihre Bedeutung. Sie wird sich grundlegend ändern müssen, will sie eine Zukunft haben.
Der Würzburger Dom wird zur Christmette an Heilig Abend auch wieder von vielen Menschen besucht werden, die nur einmal im Jahr in die Kirche gehen. Foto: Patty Varasano

Heute ist es wieder so weit. Heilig Abend. Die Kirchen werden voll sein. Geflutet von Eventchristen, für die der Besuch der Christmette zu Weihnachten gehört wie der Tannenbaum, Geschenke und der Glühwein. So ein bisschen das Oktoberfest des Winters: Einmal im Jahr wird sich reingequetscht in überfüllte Bankreihen, den Rest lässt das Partyvolk einfach so über sich ergehen. Schließlich wartet am Ende als Belohnung im abgedunkelten Gotteshaus "Stille Nacht". Ein Lied, phänomenal wie eine Zeitmaschine, die einen für drei Strophen zurückkatapultiert in eine Epoche, als das Leben unbeschwert und leicht und rein war: die Kindheit.

Heilig Abend ist eben immer auch die Nacht der großen Gefühle und der Erinnerungen und stillt die Sehnsucht der Menschen nach Ritualen.

Ein Pfarrer hat in einem Interview mal gesagt, die Christmette sei für seinen Berufsstand so etwas wie die Champions League für Fußballspieler. Die ultimative Herausforderung im Jahr. Schließlich besteht an solch einem Tag die Möglichkeit, sehr viele Schäfchen zu erreichen, die es sonst nicht in die Nähe des Hirten schaffen.

Erst "Stille Nacht", dann wartet Bruce Willis im Fernsehen

Andererseits sind die Priester an diesem Tag mit einer monströsen Erwartungshaltung konfrontiert. Alles soll schön, alles soll gut sein – und zu lange soll die christliche Besinnung bitte schön auch nicht dauern. Schließlich warten zuhause noch der Absacker im Kühlschrank und vielleicht Bruce Willis im Fernsehen: Stirb langsam.

Ein Filmtitel, wie ersonnen für den Zustand der Kirche. Gerade deshalb täte diese Institution gut daran, den Heiligen Abend nicht zu überhöhen. Sondern, bleiben wir mal in der Fußballersprache, den Fokus zu richten auf den Ligabetrieb – sprich: den Alltag. 1960 gab es hierzulande noch knapp zwölf Millionen katholische Kirchenbesucher. Heute sind es nur noch rund zwei Millionen. Tendenz: fallend. Auch die Zahl der Kirchenaustritte ist dramatisch: 2018 kehrten rund 216 000 Mitglieder der katholischen Kirche den Rücken. Nicht besser sieht es im übrigen bei den Protestanten aus: 220 000 Menschen traten aus der evangelischen Kirche aus.

Vor allem der Missbrauchsskandal und das jahrzehntelange Vertuschen, das Schützen der Täter und der gefühlskalte Umgang mit Opfern haben das Vertrauen und das Zutrauen in die Kirche rapide sinken lassen. In der Aufklärung wirkt die Institution nur bemüht und muss sich die unangenehme Frage gefallen lassen, wie es eigentlich um die christlichen Werte Nächstenliebe und Menschlichkeit im eigenen Haus bestellt ist.

Die Kirche muss ihre Probleme aktiv angehen, muss Transparenz herstellen, muss das Wort Kommunikation völlig neu definieren, muss auch eine neue Art der Ansprache lernen. Vielleicht braucht es nicht nur Maria 2.0, sondern eine Kirche 2.0. So schwenkt auch Papst Franziskus an Weihnachten nicht den Weihrauchkessel, sondern mahnt einen Wandel in der Seelsorge an: "Wir haben keine christliche Leitkultur, es gibt keine mehr!" Er fordert einen verstärkten Dienst an den Armen und Ausgegrenzten.

Die Kirche muss ihre Helferinnen und Helfer ernst nehmen

Vor allem aber muss die Kirche die Gläubigen an der Basis ernst nehmen, die Helferinnen und Helfer, die Ministranten und Pfarrgemeinderäte, die den Betrieb in Zeiten akuten Priestermangels vielerorts erst aufrecht erhalten. Zwar wird kaum noch von der Kanzel gepredigt, aber trotzdem immer noch zu oft von oben herab und nicht auf Augenhöhe.

Die Frage an diesem Tag heute muss also für die Kirche nicht lauten, wie ansprechend sie ihre Christmette bestreitet, sondern wie sie generell die Gläubigen mit ihrem Angebot überhaupt noch erreicht. Reformen sind unumgänglich, neue Formate der inneren Einkehr müssen erdacht werden. Weil eine rasante Digitalisierung und instabile politische Machtverhältnisse die gewohnten Lebenswelten erschüttern, ist das Bedürfnis der Menschen nach Halt immens. Das ist eine große Chance für die Kirche. Nicht nur an Weihnachten.

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