Würzburg

Kommentar: Wir sollten der Jugend für ihren Protest dankbar sein

Warum verhöhnen Erwachsene die "Fridays for Future"-Demos? Denn das Schüler-Engagement bietet eine Chance für Politik und Gesellschaft, die über Klimaschutz hinausgeht.
Wie Jugendliche für ihren Protest angegangen werden
Rund 1100 Schülerinnen und Schüler demonstrierten vor Kurzem in Würzburg bei einer "Fridays for Future"-Demo für den Klimaschutz. Foto: Thomas Obermeier

Schulschwänzer seien sie. Selbst würden sie auch kein nachhaltiges Leben führen. Sie würden "sinnlos durch die Gegend latschen und den Verkehr blockieren." Liest man die Kommentare, mit denen in Sozialen Netzwerken auf die Berichterstattung, auch auf die dieser Redaktion, zu den "Fridays for Future"-Demonstrationen reagiert wird, erstaunt nicht zuletzt der Ton. Zumeist erwachsene User beschimpfen Schüler, die seit Monaten für mehr Klimaschutz und eine nachhaltigere Umweltpolitik demonstrieren - sie werfen ihnen Naivität, Faulheit und Heuchelei vor. 

Eine Umfrage des ARD-DeutschlandTrend zeigt: 42 Prozent der Deutschen haben kein Verständnis für die Streiks während der Schulzeit. Woher rühren diese Vorwürfe? Sollte man sich nicht über das Engagement freuen? Wie bekommen wir die jungen Leute an die Wahlurnen? Regelmäßig wird Jugendlichen Desinteresse am politischem und gesellschaftlichem Geschehen vorgeworfen. 

Doch nun scheint sich etwas zu wandeln. Jugendliche engagieren sich, hinterfragen Politik und wollen, dass sich etwas verändert. Die Initiatorin der Schulstreiks, die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die seit August unter dem Motto "Skolstrejk för klimatet" ("Schulstreik für das Klima") jeden Freitag demonstriert, ist für viele Erwachsene zum Feindbild geworden. Auch deutsche Politiker wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner ("Eine Sache für Profis") kritisieren die Schülerdemos. Dass die Schüler auch in Würzburg in der Vergangenheit oft nach Schulschluss demonstrierten, spielt keine Rolle. Es passt wohl nicht ins Bild einer Jugend, auf die allzu gerne geschimpft wird. Der erhobene Zeigefinger scheint ein Privileg der Älteren, ein Diskurs auf Augenhöhe von vielen offenbar nicht gewünscht.

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Aber wie kann es sein, dass ein 16-jähriges Mädchen so viel Wut auslöst? Wie können Proteste von Jugendlichen für ein Thema wie Klimaschutz, Erwachsene dazu bringen, die Demonstranten verbal anzugehen?

Ist es, weil die Demonstrationen Woche für Woche die Versäumnisse der Vergangenheit aufzeigen? Die Folgen des Klimawandels werden bereits seit Jahrzehnten diskutiert -  getan hat sich wenig. Viele verharren in der Bequemlichkeit des Alltags und verweisen auf die eigenen Ohnmacht etwas zu ändern: "Was kann ich da schon machen." Die Nachrichten von Plastikmassen in den Weltmeeren verblassen allzu schnell, während im Supermarkt in Folien eingeschweißtes Gemüse gekauft wird. Die miese Ökobilanz von Flugreisen wabert allenfalls im Hinterkopf, während der nächste Urlaub in einem fernen Land gebucht wird.

Wenn Klimaschutz in den Fokus rückt, haben wir alle gewonnen

Es ist leichter, die Verantwortung dem Versagen der Politik zuzuschreiben als das eigene Verhalten zu hinterfragen. Klimaschutz ist ein riesiges, ein globales Thema - also weit weg von unserem Alltag. Doch wenn Schüler regelmäßig auf die Straße gehen, dann wird das Thema plötzlich sehr präsent.

Sicher, es gibt auch unter den Demonstranten solche, die demonstrieren, um sich vor dem Unterricht zu drücken. Sicher, nicht alle Jugendlichen leben den nachhaltigen Lebenstil, der nötig wäre, um den Klimaschutz voranzutreiben und kaufen Kaffee in Pappbechern. Und sicher, die Bewegung wird vermutlich nicht ewig anhalten. Doch wenn das Thema Klimaschutz durch die aktuellen Proteste wieder in den Fokus rückt, haben wir alle gewonnen.

Statt die Jugendlichen also zu diskreditieren und zu verspotten, sollten ihre Argumente Gehör finden und die Chance genutzt werden, Umweltpolitik neu zu diskutieren.  Und ganz nebenbei lässt sich  dadurch den Schülern zeigen, dass auch sie Teil der Gesellschaft sind und Engagement in einer Demokratie wirksam sein kann. Dass jeder Einzelne etwas verändern kann. Ein wichtiger Schritt, um das oft zitierte Problem der Politikverdrossenheit zu lösen. 

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