Leitartikel: Armenier-Jahrestag ist eine Chance

Leitartikel: Eine Richtungswahl

Die Türkei kann zum hundertsten Jahrestag des Beginns der Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg den unangenehmen Fragen nicht ausweichen. Viele Staaten und viele Menschen auf der Welt sind der Auffassung, dass die Vertreibung der Armenier und die Morde bei Massakern und Todesmärschen den ersten Völkermord der modernen Zeit darstellten.

Die Türkei lehnt diese Bezeichnung für die schrecklichen Ereignisse acht Jahre vor der Gründung der modernen Republik nach wie vor ab. Erst vor kurzem betonte Präsident Recep Tayyip Erdogan, damals seien mindestens ebenso viele muslimische Türken zu Schaden gekommen wie christliche Armenier.

Doch die Ablehnung des Begriffs „Völkermord“ durch Ankara ist nicht das eigentliche Problem. Die Debatte über die türkische Haltung zu den Ereignissen von 1915 geht am eigentlichen Kern der Sache vorbei, wenn nur über das „V-Wort“ gesprochen wird, und darüber, warum es von Ankara immer noch vermieden wird. Hinter dem Streit um den Begriff vom Völkermord verbirgt sich ein anderes Phänomen. Die offizielle türkische Geschichtsschreibung und die Politik sind nach wie vor nicht bereit, der bitteren Wahrheit ins Auge zu sehen, dass die osmanische Reichsregierung im Jahr 1915 beim Umgang mit den Armeniern schwere Schuld auf sich lud. Hunderttausende unschuldige Menschen mussten sterben, weil die osmanische Regierung die Armenier aus Anatolien vertreiben wollte. Ob dies nun Völkermord genannt wird oder nicht: Mit dieser historischen Schuld muss sich die moderne Türkei befassen. Darum geht es. In der türkischen Gesellschaft hat dieser Prozess längst begonnen. In Büchern und bei Diskussionsveranstaltungen werden die Armenier-Massaker thematisiert. Das hat viel verändert im Land. Zum ersten Mal überhaupt melden sich Armenier zu Wort, die ihre Identität lange Zeit verschwiegen – oder nicht kannten, weil ihre Vorfahren als Überlebende der Massaker von türkisch-muslimischen Familien aufgenommen worden waren. Selbst Erdogan gedachte im vergangenen Jahr, damals noch als Regierungschef, erstmals offiziell des Leids der Armenier. Die hartgesottenen türkischen Nationalisten, die noch vor einigen Jahren die Diskussion bestimmten, sind seltener zu hören.

Doch eines hat sich nicht geändert. Erdogan und andere Politiker relativieren die Taten der Osmanen-Regierung stets als patriotisch motivierte Entscheidungen zur Rettung des Vaterlandes. Von Versagen, Schuld oder Verbrechen ist keine Rede. Die Türkei sieht sich selbst als „saubere“ Nation, in deren Geschichte kein schwarzer Fleck zu finden ist. Es gebe nichts, für das sich die Türken schämen müssten, lautete das Credo.

Diese fehlende Bereitschaft, schmerzhaften Dingen in der eigenen Vergangenheit ins Gesicht zu sehen, bestimmt weiterhin die Position der offiziellen Türkei. Das funktioniert nicht, denn zum Jahrestag finden Gedenkveranstaltungen in aller Welt statt. Türkische Politiker fassen dies als weiteres Beispiel für anti-türkische Verschwörungen auf.

Appelle von außen können die Haltung der Türkei ohnehin kaum verändern. Dazu bedarf es einer Dynamik im Land selbst. Nur eine junge Generation, die neue Fragen stellt und auf Antworten dringt, kann das Land dazu bringen, das dunkle Kapitel der türkischen Geschichte ehrlich aufzuarbeiten.

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