Leitartikel: CSU kann von den Vertriebenen lernen

Am Sonntag ist in Bayern Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation. Ministerpräsident Horst Seehofer hat die Beflaggung aller öffentlichen Gebäude im Freistaat angeordnet. Hoffentlich wehen die Fahnen dann auch für die Flüchtlinge, die derzeit zu Zehntausenden in Europa ankommen, gerade auch in Bayern.

Die Sprache, mit der sich viele in der CSU derzeit zu Flüchtlingsfragen äußern, lässt so viel Empathie leider nicht vermuten. Es ist legitim, auf die Probleme hinzuweisen, die sich durch die Aufnahme von Asylbewerbern aus Syrien, Irak, Eritrea oder erst recht vom Balkan ergeben. Nicht richtig ist es allerdings, wenn Politiker vorhandene Ängste noch bestärken. Aufgabe verantwortlicher Volksvertreter ist es vielmehr, verunsicherten Menschen die Sorgen zu nehmen und die Integrationsprozesse ordentlich zu managen. Dazu gehört, den Bürgern zu erklären, dass sich im Zuge weltweiter Krisen auch das schöne Bayernland verändern wird. So wie es sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch gewandelt hat.

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen ist unglaublich groß. Zu den Helfern in den Unterkünften gehören vielfach Frauen und Männer, die in den 40er Jahren selbst flüchten mussten – und deren Nachkommen. Sie wissen, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren, Liebgewonnene(s) zurückzulassen und nur mit dem Allernötigsten bepackt in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen.
 


Sicher lässt sich die Situation der bis zu 14 Millionen vertriebenen Deutschen nach dem Krieg nicht eins zu eins mit der Lage heutiger Flüchtlinge vergleichen. Der wichtigste Unterschied ist, dass die Flüchtlinge damals Deutsch sprachen. Das erleichterte die Integration. Da haben es die Flüchtlinge heute schwerer. Die kulturellen Unterschiede indes waren auch damals groß. Wenn evangelische Christen aus Ostpreußen erzählen, wie sie von bayerischen Katholiken beäugt wurden, gleicht das den Erfahrungen, die Muslime dieser Tage machen. Ängste, die Neuankömmlinge könnten den Einheimischen etwas wegnehmen, waren seinerzeit weit verbreitet, Kinder wurden bespuckt, nur weil sie Flüchtlinge waren. Vorwürfe, sie würden auf Kosten der Einheimischen begünstigt, kennen viele Vertriebene.

Andererseits haben sie auch die Erfahrung gemacht, wie Einheimische zusammenrücken, helfen, wie Vorurteile durch Kennenlernen abgebaut wurden. Nicht zuletzt, weil die Politik die Integration der Flüchtlinge wollte, weil man wusste, welche Potenziale in den Neubürgern stecken. Und diese haben das Vertrauen nicht enttäuscht. Ohne die Vertriebenen hätte es kein Wirtschaftswunder gegeben, ohne die Sudetendeutschen etwa wäre Bayern heute nicht die wirtschaftliche und politische Macht, die es ist.

Um daran zu erinnern, bietet der Gedenktag eine gute Gelegenheit. Angesichts der aktuellen Lage wäre es fahrlässig, ihn nicht auch zu nutzen, um für noch mehr Empathie für die Flüchtlinge heutiger Tage zu werben. Als Bundespräsident Joachim Gauck im Juni beim bundesweiten Flüchtlingsgedenken sagte, eine Lehre aus der Vertreibung nach dem Krieg müsse sein, dass die Deutschen sich großherzig um die Flüchtlinge von heute kümmern, ist er von Horst Seehofer heftig kritisiert worden. Ein peinlicher Fauxpas, der sich nicht wiederholen darf. Von vielen Heimatvertriebenen könnte der CSU-Chef lernen.

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