WASHINGTON

Leitartikel: Das Dilemma der Demokraten

Der Ritterschlag kam aus dem Weißen Haus: „Willkommen im Rennen, Schläfriger Joe!“, twitterte Donald Trump: „Ich hoffe, Du hast die lange bezweifelte Intelligenz, einen erfolgreichen Vorwahlkampf zu führen.“ Das klang bemerkenswert nervös: Mit dem langjährigen Senator und Ex-Vizepräsidenten Joe Biden, der vergangene Woche seine Bewerbung ankündigte, ist Trumps Angstgegner in den Wettkampf ums amerikanische Präsidentenamt eingestiegen.

Anderthalb Jahre dauert es noch bis zur Wahl am 3. November 2020, die darüber entscheidet, ob die chaotisch-zerstörerische Politik Trumps eine Episode bleibt oder das demokratische Fundament der USA dauerhaft beschädigt. Doch die erste Phase des Wahlkampfs hat mit dem Antritt des heimlichen Favoriten der Demokraten nun begonnen. Bis zum Parteitag im Juli 2020 wird die Partei intern erbittert um ihren Spitzenkandidaten streiten. Danach fordert der Sieger den Präsidenten heraus.

Trumps Politik mobilisiert Widerstand von allen Seiten

Mit 20 Männern und Frauen ist das Bewerberfeld der Demokraten so groß wie nie. Es treten Farbige und Weiße, Linke und Gemäßigte sowie Senatoren und Quereinsteiger an. Der älteste Bewerber, Senator Bernie Sanders, ist 77 Jahre alt. Der 40 Jahre jüngere Bürgermeister Pete Buttigieg wäre im Falle eines Wahlsiegs der jüngste und erste offen schwule Präsident der amerikanischen Geschichte.

Dass Trumps nationalpopulistische Politik Widerstand von allen Seiten mobilisiert, macht Mut. Es stellt die Demokraten aber vor ein Dilemma. Weder über ihren Kurs, noch über die Strategie sind sie sich einig: Während sich Sanders stolz als „demokratischen Sozialisten“ bezeichnet und gegen die Reichen agitiert, buhlt „Middle-Class-Joe“ Biden mit moderaten Tönen um die Mittelschicht. Während die einen die Gesundheitsvorsorge oder die Wirtschaftspolitik radikal verändern wollen, geht es den anderen nach dem Stakkato der Trumpschen Tabubrüche um die Wiederherstellung der demokratischen Normalität.

Dummerweise gelten in der ersten und zweiten Phase des an Sonderlichkeiten reichen amerikanischen Wahlkampfes unterschiedliche Regeln. Bei der innerparteilichen Kandidatenkür müssen die Anwärter die nach links gerückte Basis hinter sich bringen und auf Kosten ihrer Konkurrenten an Profil gewinnen. Vor allem müssen sie mit Online-Kampagnen unglaublich viel Geld von Kleinspendern mobilisieren. Dazu braucht man emotional zugespitzte Themen wie etwa Sanders‘ sozialistische Umverteilung.

Entschieden wird das Rennen nicht von intellektuellen Großstädtern

Die Wahl aber wird nicht an den Universitäten und nicht in den Küsten-Großstädten entschieden, sondern im Rostgürtel von Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Diese industriell geprägten Bundesstaaten waren fest in demokratischer Hand, bis Trump sie 2016 eroberte. Ohne ihre Wahlmänner führt kein realistischer Weg ins Weiße Haus. In der zweiten Phase des Wahlkampfes wird es daher wesentlich darum gehen, frustrierte Wähler zurückzugewinnen, denen es um Jobs, eine verlässliche soziale Absicherung und die Beseitigung der Schlaglöcher auf den Straßen geht. Ein pragmatischer Politiker wie Biden mit seinem hemdsärmeligen Charme könnte hier genau der richtige Kandidat sein.

Derzeit ist es noch viel zu früh, über den Namen des demokratischen Trump-Herausforderers zu spekulieren. Eines aber ist sicher: Die Opposition muss einen schwierigen Spagat hinbekommen zwischen der Mobilisierung ihrer Kernklientel und der Sicherung der Wählbarkeit in konservativen Milieus. Und jedem Kandidaten, dem dieses Kunststück misslingt, droht das Schicksal von Hillary Clinton.

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