Leitartikel: Das Kükentöten ist nicht das einzige Problem

Leitartikel:  Das Kükentöten ist nicht das einzige Problem

Ginge man auf die Straße und befragte willkürlich zehn Passanten, ob sie für oder gegen das Kükentöten sind, das Urteil fiele vermutlich eindeutig dagegen aus. Und dennoch musste sich nun das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig mit der Frage befassen, ob das millionenfache Töten männlicher Küken zulässig ist. Das offenbart gleich mehrere Probleme, vor denen Deutschland steht, wenn es um Tiere und Landwirtschaft geht:

Das eine ist die völlig unentschlossene Politik des Landwirtschaftsministeriums. Das Kükenschreddern sollte eigentlich schon längst verboten sein. Schon der Vorgänger der jetzigen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte Pläne, das massenhafte Töten von Küken zu verbieten. Es passierte aber nichts. Und auch Klöckner kündigte erst an, bis Mitte 2019 handeln zu wollen, verschob den Verbotstermin dann aber. Nun soll es voraussichtlich 2020 so weit sein. Diese Unentschlossenheit verhindert, dass Landwirte und Brütereien verlässlich planen können. Und sie zeigt sich nicht nur beim Kükenschreddern, sondern bei fast allen Tierschutzthemen.

Verlässliche Tierwohlkriterien lassen auf sich warten

Die Ferkelkastration ohne Betäubung etwa sollte ebenfalls längst verboten sein, doch jetzt wird sie vermutlich erst in fünf Jahren unzulässig. Ähnlich ist es beim Abschneiden der Schwänze von Ferkeln. Das sogenannte Kupieren ist eigentlich nicht mehr gestattet. Doch die Regel wird nicht von allen eingehalten. Der Grund: Die Schweine beißen aus Langeweile die Schwänze ihrer Artgenossen blutig. Aber statt es Landwirten finanziell zu ermöglichen, etwas gegen die Langeweile der Tiere zu unternehmen, wird einfach das Kupieren weiter geduldet. Womit schon fast der nächste Knackpunkt angesprochen ist: Verlässliche, gesetzliche Tierwohlkriterien lassen nach wie vor auf sich warten. Die Politik schläft und Landwirte und Verbraucher baden die Unsicherheit aus.

Das zweite Problem ist ein falsches Verständnis davon, was Nutztierhaltung eigentlich heißt. Die meisten Bilder, die Verbraucher von Schweinen, Hühnern und Kühen sehen, sind romantisiert. Süße Ferkel halten ihre rosa Schnauzen in die Kamera, braun-weiß gescheckte Kühe stehen auf saftigen Wiesen vor blau-weißem Himmel, flauschig gelbe Küken tummeln sich im Stroh. So leben die wenigsten Nutztiere in Deutschland. Das ist nicht ideal, es ist aber auch kein Skandal.

Verbraucher haben schon jetzt die Wahl

Die Tiere werden nicht gezüchtet, weil sie putzig aussehen. Sie werden gezüchtet, um geschlachtet zu werden. Um Milch zu geben, um Eier zu legen. Schlicht, um mit ihnen Geld zu verdienen. Viele Landwirte würden sich wünschen, die Werbebilder wären für ihre Tiere Realität. Doch bislang ist das in den wenigsten Bereichen wirtschaftlich umsetzbar.

Und drittens verdrängen Fleischesser ganz gerne, was sie da eigentlich essen. Sprechen Sie mal einen schnitzelverzehrenden Kantinengänger darauf an, ob er glaubt, der Ringelschwanz des Schnitzel-Schweins sei abgeschnitten worden. Ein böser Blick wird noch die mildeste Reaktion sein. Wenige Menschen wollen sich damit auseinandersetzen, dass ihr Schinken oder ihre Bratwurst mal ein Lebewesen war. Tun sie es doch, sind viele so entsetzt, dass sie lieber gleich darauf verzichten, Fleisch zu essen. Aber aus Tierschutzgründen Vegetarier zu werden, ist der falsche Weg. Wer sich für Tierwohl interessiert, sollte Fleisch essen – aber bewusst. Damit verbunden ist etwa die Entscheidung, wie viel und welches Fleisch man kauft und isst. Beim Einkauf im Supermarkt kann man schon jetzt dafür sorgen, dass männliche Küken aufgezogen werden. Kunden haben die Wahl. Sie müssen sie aber nutzen.

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