WÜRZBURG

Leitartikel: Der Anschlag von Würzburg bleibt rätselhaft

Untersuchungen nach Schüssen auf Attentäter eingestellt
ARCHIV- Polizisten durchsuchen am 19.07.2016 neben einem Weg bei Würzburg (Bayern) das Gebiet, in dem ein attentäter von der Polizei erschossen wurde, nach Spuren. Ein 17 Jahre alter Afghane war mit einer Axt und einem Messer auf Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg-Heidin... Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Oft haben Ziele für Terroristen eine symbolische Bedeutung. Das war schon 2001 so, als El Kaida am 11. September mit dem World Trade Center in New York und dem Pentagon bei Washington Symbole der wirtschaftlichen und militärischen Macht der USA angriff. Auch der „Islamische Staat“ spielt mit Symbolik: Die Anschläge auf Feierlichkeiten anlässlich des französischen Nationalfeiertages in Nizza oder auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin sind nur zwei Beispiele. Nicht zuletzt geht es Terroristen um die Macht der Bilder, die nach den Anschlägen um die Welt gehen. Daher sondieren sie mögliche Anschlagsorte mit Bedacht. In diesem Jahr wählten die Attentäter etwa den Triumphbogen in Paris oder den Big Ben in London als Kulisse für ihre blutigen Dramen. Ein Regionalzug bei Würzburg gehört nicht in diese Kategorie. Und das ist alles andere als beruhigend.

Denn das Axt-Attentat passt nicht ins Schema. Kein Großereignis, kein besonderer Tag, kein bildgewaltiger Anschlagsort – nicht einmal die Alte Mainbrücke mit den vielen Kirchtürmen im Hintergrund.

Täter untypisch, Radikalisierungsverlauf unklar

Auch der Täter passt nicht ins Raster von Experten und Ermittlern. Der 17-Jährige war bei Pflegeeltern untergekommen, hatte eine Lehrstelle in Aussicht, galt als vorbildlich integriert. Hinweise auf eine psychische Erkrankung lagen – anders als in vielen Terroristenbiografien – ebenso wenig vor wie Erkenntnisse über persönliche Kontakte in die dschihadistische Szene.

Was war der Auslöser für seine Tat? Wie hat er sich radikalisiert? Gelang es Terroristen tatsächlich, nur über das Internet einen unauffälligen jungen Mann mit ihrer wirren Ideologie und ihren pseudoreligiösen Versprechungen zu einem Werkzeug ihres Kampfes gegen sogenannte Ungläubige zu machen? Und wenn ja, in welchem Zeitraum? Die Erkenntnis, dass es der „Islamische Staat“ geschafft hat, von seinen schrumpfenden Bastionen in der arabischen Welt aus muslimische Flüchtlinge zu einem Anschlag in der fränkischen Provinz anzustiften, würde dem Bedrohungsszenario jedenfalls noch einmal eine andere Qualität verleihen.

Nur der Generalbundesanwalt kennt Antworten

Nicht nur der Attentäter selbst, auch die weiteren Hintergründe des Anschlags bleiben rätselhaft. Wer ist der mutmaßliche IS-Kontaktmann, von dem der 17-Jährige bis kurz vor seiner Tat über einen Chat Anweisungen erhielt? Handelt es sich dabei um dieselbe Person, die eine knappe Woche später den Selbstmordattentäter von Ansbach steuerte? Sind deutschen Sicherheitsbehörden darüber hinaus weitere Versuche der Terrormiliz bekannt, Anhänger in Deutschland über Chat-Kontakte zu Anschlägen anzustiften? Dies sind nur einige Fragen, die noch ungeklärt sind. Antworten kennt – wenn überhaupt – nur die Generalbundesanwaltschaft. Seit einem knappen Jahr schickt diese Redaktion regelmäßig einen Fragenkatalog an die Ermittler nach Karlsruhe. Antworten blieben mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen bislang aus.

Dafür muss man einerseits Verständnis haben, andererseits ist es auch an den Behörden, verloren gegangenes Vertrauen in ihre Arbeit wiederherzustellen. Vor allem die vielen Versäumnisse im Fall des Attentäters von Berlin, Anis Amri, wiegen hier schwer. Die Wut, die manchen überfällt, wenn sich nach einem Anschlag herausstellt, dass der Täter den Behörden bekannt war, ist legitim. Auch wenn nicht jeder Gefährder rund um die Uhr bewacht werden kann.

Mit Transparenz kann es den Behörden aber gelingen, das Sicherheitsgefühl, das im Sommer 2016 so gelitten hat, zu stärken. Der Staat muss immer wieder erklären, wie er seine Bürger vor Terroristen schützt. Dabei muss jedem klar sein, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt. Der 18. Juli 2016 hat deutlich gezeigt: Der Terror kann jeden überall und zu jeder Zeit treffen. Rückblickend hat damit auch das Würzburger Axt-Attentat eine gewisse Symbolkraft angenommen.

Rückblick

  1. Axt-Attentat in Würzburg: Hongkonger bekommt Rettungsmedaille überreicht
  2. Drei Jahre nach Würzburger Axt-Anschlag: Ermittlungen dauern an
  3. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Rettungsmedaille für Hongkonger
  4. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Opfer von damals heiraten
  5. Würzburger Muslime besorgt um den Ruf ihrer Religion
  6. Kennt Bundesanwaltschaft den Hintermann des Axt-Anschlags?
  7. Axt-Attentat: Der Terror vor der Haustüre
  8. Wie die Polizei mit gefährdeten Jugendlichen umgeht
  9. Jugendliche stark machen im Kampf gegen Radikalisierung
  10. Landrat plädiert für anderen Umgang mit Flüchtlingen
  11. „Diese Politik ist menschenverachtend“
  12. „Und immer wieder bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück“
  13. Terror: Mehr Schutz für die Ersthelfer
  14. Helfer im Einsatz: Die Angst kommt erst später.
  15. „Kein Anschlagsszenario, das zuvor irgendjemand im Blick hatte“
  16. Leitartikel: Der Anschlag von Würzburg bleibt rätselhaft
  17. Axt-Attentat in Würzburg - Ein Jahr danach
  18. Der blutige Sommer 2016 muss uns stark machen
  19. Gesellschaft muss sich auf neue Bedrohungen einstellen
  20. Die Feuerwehr im Einsatz: Das Jahr 2016
  21. Nach dem Axt-Attentat: Checkliste für Retter im Einsatz
  22. Pilotprojekt gegen Radikalisierung
  23. Wie die Welt der Salafisten aussieht
  24. Opfer des Axt-Attentats bleiben optimistisch
  25. Der Tag, an dem Würzburg zur Zielscheibe des Terrors wurde
  26. Leitartikel: Es braucht Wahrheit und Wehrhaftigkeit
  27. Gerhard Kallert: „Kein Grund für mehr Ängste“
  28. Axt-Attentat: „Es tat gut, helfen zu können“
  29. Axt-Attentat: Die Frage nach dem Warum bleibt
  30. Schüsse auf Axtattentäter waren einzige Chance für Polizei
  31. Leitartikel: Trauer und Leid ohne Groll
  32. Axt-Attentatsopfer melden sich erstmals zu Wort
  33. Axt-Attentat: Zustand der Opfer hat sich weiter verbessert
  34. Nach Axt-Attentat: Erste Opfer fliegen nach China zurück
  35. Axt-Attentat: Chat belegt Kaltblütigkeit
  36. Nach Axt-Attentat: Konferenz für Pflegefamilien
  37. Axt-Attentäter anonym in Bayern bestattet
  38. Ein Monat zwischen Alptraum und Alltag
  39. Nach dem Axt-Attentat: „Nichts ist mehr so, wie es mal war“
  40. Asylantrag wegen technischer Störung unentdeckt
  41. Axt-Attentat: Spendenkonto für die Opfer eingerichtet
  42. Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft kümmert sich um Angehörige
  43. Ein anonymes Grab für den Axt-Attentäter?
  44. Axt-Terrorist schlüpfte ungeprüft aus Ungarn herein
  45. Zweifel an islamischem Begräbnis für Attentäter
  46. Die Zugfahrt, die im Alptraum endete
  47. Keine jungen Flüchtlinge in Pflegefamilien
  48. Bahn will hunderte Sicherheitskräfte neu einstellen
  49. Die Angst vor dem Terror
  50. Axt-Attacke: Leiche des Täters noch nicht freigegeben

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