Leitartikel: Deutschland ist Einwanderungsland

Solidarität wird in gegenwärtigen Flüchtlingsdebatten viel beschworen, wenn auch vergeblich. Vielleicht, weil dazu ein Bewusstseinswandel nötig ist.

Und nichts ist bekanntlich so schwer wie der. Um mit der enorm gestiegenen Zuwanderung von Menschen, die sich nach Frieden und Wohlstand sehnen, aus arabischen, afrikanischen und Balkanländern umgehen zu lernen, brauchen wir aber diesen Bewusstseinswandel.

Wir sind gefühlt über Nacht in eine völlig neue Situation geraten: Tausende von Menschen bringen fremde Lebenseinstellungen, Religionen, Sitten, Bräuche mit. Das verunsichert uns. Aber wir können nicht wirklich und schon gar nicht schnell etwas an der Situation ändern.

Wir können die Menschen, die geordnet oder illegal einreisen und Deutschland als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sehen, nicht bremsen. Da hilft keine Obergrenze, die ohnehin kaum zu kontrollieren ist, wenn Menschen nicht schon in ihrer alten Heimat Einwanderungsanträge stellen, die in Ruhe geprüft werden können, sondern plötzlich vor der Tür stehen. Es bleibt nichts anderes übrig: Wir müssen unsere Heimat als Einwanderungsland begreifen lernen – Bewusstseinswandel Nummer eins.

Wir können nicht unsere wirtschaftlichen und politischen Interessen in den Ländern der Welt verfolgen und dann erfolgreich Menschen abwehren, die vor den Folgen auch dieser Politik in Scharen davon laufen. Beispiel Kosovo: Die Bundesrepublik beteiligte sich zwar am militärischen Engagement für die Unabhängigkeit der früheren serbischen Provinz. Aber das änderte nichts an der Armut der Region. Weiter werden Minderheiten diskriminiert und die organisierte Kriminalität wuchs. Hier und anderswo hilft uns nur: Wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken und die ist bekanntermaßen selten einfach, sondern meist vielschichtig. Auch das gilt es, sich bewusst zu machen.

Wir können aus Angst um unseren Wohlstand und unsere Werte, eben diese Werte über den Haufen werfen. Wir können demokratisch gewählte Politikerinnen und Politiker beschimpfen und bedrohen. Wir können allem Fremden mit Misstrauen und Missmut begegnen. Wir können so tun, als sei nicht genug für alle da und als seien Menschen, die zu uns kommen, tendenziell anmaßend, faul und gefährlich. Aber das bringt uns weder politisch noch persönlich etwas. Hilfreicher wäre das Bewusstsein: Veränderung gehört zum Leben.

Und sie lässt sich gestalten. Anspruchslos ist das nicht. Weder Wutgebrüll noch Euphorie helfen weiter, sondern nüchterne, gesellschaftlich breit angelegte, gegenseitige Solidarität im Wortsinn: Gediegen, echt und fest, solide eben. Solidarität ist kein Gefühl, sondern die vernünftige Suche nach und der Einsatz für gemeinsame Werte, Bedürfnisse und Verantwortung von Alteingesessenen und Neuangekommenen miteinander.

Das wäre ein gewaltiger Bewusstseinswandel und ganz viel Arbeit, für Politik, Profis und Mitmenschen. Die Idee ist allerdings alt. „Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein“, sagte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) in seiner Rede „Verantwortung für sozialen Fortschritt und Menschenrechte“ 1986.

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