Leitartikel: Die WM macht Brasilien selbstbewusst

Leitartikel: Es ist was faul im Staate Fußball

Ungerechtes Bildungssystem, marodes Gesundheitswesen, nationaler Verkehrskollaps. Unfertige Stadien, Vergeudung von Steuergeldern, Korruption als Volkskrankheit, Massenproteste auf den Straßen. Dazu diese extreme Armut: Ein Drittel der 195 Millionen Einwohner lebt nach offiziellen Regierungsangaben von weniger als 140 Euro im Monat. Darf solch ein Land das größte Sportereignis der Welt ausrichten, darf Brasilien Gastgeber der 20. Fußball-Weltmeisterschaft sein?

Aber ja doch! Unbedingt sogar. Wenn nicht eine fußballverliebte Nation wie Brasilien, wer dann noch? Der Fußball ist in dem Land tatsächlich Volkssport und vielleicht das verbindende Element einer Nation, in der Rassismus längst nicht ausgerottet ist. In Manaus im Regenwald, an jeder Straßenecke im Moloch Sao Paulo, an den feinen Stränden von Rio de Janeiro oder auf der holprigen Dorfwiese von Santo André – überall spielen die Menschen Fußball. Emotionen, Tradition, dazu dieser Mythos. Der brasilianische Fußball genießt Weltruf als technisches Spektakel, jährlich exportiert das Land 1000 Fußballprofis.

Der entscheidende Fehler in der Kritik am WM-Betrieb in Brasilien ist der: die Überhöhung des Sports. Natürlich hat der Fußball eine gesellschaftliche Bedeutung, aber er kann die strukturellen Probleme eines Landes nicht lösen. Genauso ein Trugschluss ist es zu denken, dass das Geld, das jetzt in den Bau der zwölf Stadien investiert wurde – insgesamt wohl um die zwei Milliarden Euro – ohne die WM in Sozialprojekte geflossen wäre.

Auf die Probleme aufmerksam machen und sich seiner sozialen Verantwortung bewusst sein, das kann der Fußball aber sehr wohl. Genau diese Erkenntnis war es auch, die die Menschen bereits im vergangenen Jahr beim Testturnier namens Confed-Cup auf die Straßen getrieben hat. Sie nutzten den Fußball als Medium, um auf ihre Nöte hinzuweisen. Sie entdeckten, dass sie nicht mehr abhängig sind vom Informationsfluss aus staatlich gesteuerten Medien, sondern über soziale Netzwerke direkt und mit Wucht kommunizieren können. „Das Volk“, so hat es der deutsch-brasilianische Profi Cacau in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt, „hat erkannt, welche Macht es besitzt.“ Es wird spannend sein zu verfolgen, wie die Regierung Brasiliens auf die Herausforderungen und das neue Selbstbewusstsein seiner Bevölkerung reagieren wird.

Denn dass die Demonstrationen wieder aufflammen werden, wenn heute mit dem Spiel zwischen Brasilien und Kroatien in Sao Paulo die Weltmeisterschaft eröffnet wird, davon gehen alle Experten aus. Solange die Proteste friedlich bleiben, ist dagegen nichts einzuwenden. Schon gar nicht wären solche Aktionen „Störungen“ der WM, wie es DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock bei seiner Begrüßung im Quartier der deutschen Mannschaft in Bahia seltsam verquer ausgedrückt hat. Zu demonstrieren ist ein Grundrecht.

Ja, die Brasilianer haben größere Probleme als diese Weltmeisterschaft, das schmälerte ihre Vorfreude auf dieses Turnier enorm. Jetzt aber sind Menschen zu sehen, wie sie Wimpel aufhängen und Straßen bemalen. Vier Wochen lang wird nun der Fußball den Rhythmus der Brasilianer vorgeben. Die einen werden auf ihre Sorgen aufmerksam machen, die anderen werden sie vergessen.

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