Leitartikel: Mehr als Schlemmen an den Messeständen

In dieser Woche trotzt die Hauptstadt dem grauen Wetter und wird grün. Hunderttausende werden auf dem Messegelände unterm Funkturm zur Grünen Woche erwartet, die am Donnerstagabend feierlich eröffnet wird und ab Freitag fürs Publikum frei ist. In den Augen der meisten Besucher ist die Messe vor allem Gelegenheit, „kulinarische Genüsse von Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch bis hin zu Wein und Bier“ auszuprobieren, wie es die Veranstalter anpreisen. Doch bei aller Völlerei sollte sie auch Anlass sein, über den Zustand der Landwirtschaft in unserem Land nachzudenken.

Im Bewusstsein der Bevölkerung scheint die Bedeutung der Landwirtschaft zu schwinden. Deutlich wird das unter anderem in den politischen Bemühungen, „die ländlichen Regionen weiter zu stärken“, wie es Kanzlerin Angela Merkel in ihrer am Wochenende veröffentlichten Videobotschaft formuliert. Gleichwertige Lebensverhältnisse in Städten und ländlichen Räumen zu schaffen, das sei außerordentlich wichtig, „um Heimat lebbar zu machen, in allen Teilen Deutschlands“, betont die Regierungschefin.

Entweder Brachen oder langweilige Monokulturen

Mit Blick auf die Landwirtschaft hat sich diese „Heimat“ in den letzten Jahren allerdings gravierend verändert. Wo früher Felder in bunter Fruchtfolge das Auge erfreuten, gibt es heute vielfach entweder Brachen oder langweilige Monokulturen. Wirtschaftlich betrachtet sind letztere oft die einzige Überlebenschance für die Bäuerinnen und Bauern. Andererseits häufen sich Studien, die von gravierenden Auswirkungen auf die Umwelt berichten, das Insektensterben ist ein Stichwort.

Die Landwirte trifft daran keine Schuld. Sie müssen ihre Kredite bedienen, sich auf schwankende Weltmarktpreise einstellen. Hinzu kommt immer mehr kostentreibende Bürokratie. Schreibtischtäter in Brüssel sind etwa dafür verantwortlich, dass immer öfter ein Tierarzt gerufen werden muss, wo früher die kenntnisreiche Hand des Stallbesitzers ausreichte.

Das Konsumverhalten der Verbraucher trägt, das ist bekannt, einen Teil zur sich verschärfenden Lage bei. Wer für einen Liter Milch nur 62 Cent oder für ein ganzes Kilo Hähnchenfleisch nur fünf Euro zu zahlen bereit ist, der trifft damit immer auch die regionale Landwirtschaft. Sie muss bei solchen Kampfpreisen entweder aufgeben oder sich unter großer Selbstausbeutung weiter spezialisieren. Was alles zu Lasten der „Heimat“ geht, wie Merkel sie beschreibt.

Umfrage: Vielen Bürgern ist das Schicksal der Landwirte egal

Dabei ist es nicht nur das Verhalten an der Ladenkasse, das überprüft werden muss. Eine kürzlich veröffentlichte Forsa-Umfrage im Auftrag des Forums Moderne Landwirtschaft jedenfalls lässt den Schluss zu, dass vielen Bürgern das Schicksal der Landwirte ziemlich egal ist. Jeder vierte Befragte hat demnach noch nie mit einem Landwirt über dessen Arbeit gesprochen. Bei 20 Prozent ist das letzte Gespräch mit einem Landwirt über seine Arbeit ein bis fünf Jahre her.

Auf der Grünen Woche wird es ein internationales Agrarministertreffen geben, bei dem über die Bedeutung der Digitalisierung für die Landwirtschaft geredet wird. Das Bundeslandwirtschaftsministerium legt seinen Messe-Schwerpunkt unter dem Motto „Landwirtschaft mit Herz und Drohne“ ebenfalls auf die Digitalisierung. Dabei werden ein „digitaler Stall“ sowie „intelligente Verpackungen der Zukunft“ vorgestellt, die mit Hilfe eines integrierten Sensors prüfen, wie frisch das Lebensmittel noch ist.

Das mag alles ganz toll und sogar sinnvoll sein. Doch die Grüne Woche sollte auch Anlass geben, zurückzublicken. Wer schon einmal Milch von einer Kuh getrunken hat, die nicht ein mit Hochleistungsfutter aufgepumptes Euter durch die Gegend schleppt, wer Rindfleisch aus herkömmlicher Landwirtschaft auf dem Teller hatte, der weiß, dass früher nicht alles schlecht war.

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