Leitartikel: Sarkozy, Opfer seiner selbst

Leitartikel: Die Chance nach dem Terror

Wenn Nicolas Sarkozy bei der französischen Präsidentschaftswahl am Sonntag abgewählt wird, wonach es laut Umfragen aussieht, dann ist er nicht einfach nur ein Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise. Sicherlich hat sie ihm die Bilanz verpfuscht und viele Wahlversprechen unhaltbar gemacht. Aber die Drohkulisse der Verschuldungsproblematik im Euroraum und die schwierige wirtschaftliche Lage Frankreichs hätten auch eine Chance für den Amtsinhaber bedeuten können, sich als erfahrener Krisenmanager zu profilieren, der dem Schutzbedürfnis seiner verunsicherten Landsleute begegnet.

Die Schicksale der zum knallharten Sparen verurteilten Griechen, Italiener und Spanier vor Augen, hätten sie in ihm denjenigen sehen können, der entschlossen Frankreichs Finanzen in Ordnung bringt. Das ausgabenfreudigere Programm seines sozialistischen Rivalen François Hollande mit seinen Finanzierungslücken bot durchaus Angriffsfläche. Ob berechtigt oder nicht, gelten die Konservativen als die bessere Wahl für wirtschaftlichen Aufschwung. Ein Potenzial, das Sarkozy nicht nutzte.

Stattdessen richtete er seine Kampagne auf rechtskonservative Werte aus, um die Rechtspopulistin Marine Le Pen auszustechen. Doch diese erreichte im ersten Wahlgang nicht nur ein überraschend hohes Ergebnis von 17,9 Prozent der Stimmen, sondern verzichtet auch auf eine Empfehlung für Sarkozy in der Stichwahl. Sie spekuliert auf ein Zerbersten der Präsidentenpartei, das ihrem Front National weiteren Zulauf einbringen kann. Ohne diese Stimmen wird es aber wahrscheinlich für einen Sieg Sarkozys nicht reichen. Die Mitte aber hat er wohl endgültig vergrault mit seiner skrupellosen Anbiederung an Rechtsaußen-Wähler.

Stattdessen bildete sich eine breite Front gegen ihn, die Linke, Grüne, Kommunisten, Gewerkschafter und Zentristen versammelt. Zwar teilen weite Teile der französischen Gesellschaft, vor allem die weniger gebildeten Schichten, die ausländerfeindlichen, europaskeptischen und protektionistischen Ansichten Le Pens; aber die Gruppe derer, die sie scharf verurteilen, bleibt deutlich größer. Sarkozy hat auf das falsche Pferd gesetzt.

Verliert er diese Wahl, dann ist er Opfer seiner selbst, seines Opportunismus und seiner eigenen Überheblichkeit. Die Wähler haben nicht vergessen, dass er erst im Wahlkampf wieder zu einem respektvollen Umgang mit Medien und Bevölkerung gefunden hat. Sie lehnen ihn ganz persönlich ab.

Befragt nach seiner stärksten Eigenschaft, nannte der Präsident ganz zu Recht seine überbordende Energie. Doch war er wohl allzu überzeugt davon, dass er allein mit diesem ungebrochenen Machtwillen seine Landsleute nochmals mitreißen kann. Seinen Rivalen Hollande hat er außerdem dramatisch unterschätzt.

Dieser mag mit weniger Charisma ausgestattet sein. Doch geschickt hat er die Wahl zu einem Anti-Sarkozy-Votum gemacht und sich selbst als kompletten Gegensatz zum verhassten Staatschef aufgebaut. Gedopt durch die vielversprechenden Umfragen, gelang ihm beim Fernsehduell ein bemerkenswerter Rollentausch: Nicht der Amtsinhaber gab den souveränen Staatsmann, sondern Hollande als Herausforderer. Zwar sind Umfragen noch kein Urnengang. Doch ein Wahlsieg Sarkozys wäre eine immense Überraschung.

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