Leitartikel: Siemens steht am Pranger und ist selbst schuld daran

Die Siemens-Verantwortlichen haben einen großen Fehler begangen, weil sie einem vergleichsweise kleinen Projekt zu wenig Aufmerksamkeit widmeten. So steckt Unternehmens-Chef Joe Kaeser in der Glaubwürdigkeitsfalle fest. Denn einerseits hat er den Eindruck erweckt, der Riese stehe in der Wirtschaft an der Spitze der Klimaschutz-Bewegung. Andererseits haben Siemens-Manager am 10. Dezember 2019, also als die Brände in Australien schon lange währten, einen Vertrag unterzeichnet, den sie heute wohl so nicht mehr unterschreiben würden.

Schließlich können die Einnahmen von rund 18 Millionen Euro als Zulieferer für ein Kohlebergbau-Projekt den dadurch erlittenen Imageschaden nicht aufwiegen. Der deutsche Konzern liefert nur Signalanlagen für Züge, die einmal Kohle vom Abbauort zu einem Hafen abtransportieren. Von dort wird die Ware nach Indien verschifft. Siemens ist nur ein kleiner Fisch in dem peinlichen Milliardenprojekt. Die wahren Umwelt-Übeltäter sitzen in der Vorstandsetage des indischen Adani-Konzerns und stammen aus den Reihen der australischen Regierung. Wegen einiger tausend Jobs und natürlich der Kohle, die sich mit der Kohle verdienen lässt, sind hier – wie so oft – sämtliche moralischen Werte über Bord geworfen worden.

Der oberste Angestellte einer Aktiengesellschaft

Wie dreckig das Fahrwasser ist, konnten Kaeser & Co. aus eigenem Verschulden erst erkennen, als junge Klima-Aktivisten von Fridays for Future die Siemens-Beteiligung an dem Australien-Geschäft angeprangert haben. Seitdem veröffentlichten Twitter-Nachrichten und Erklärungen Kaesers zeigen eindrucksvoll: Der Siemens-Chef ärgert sich darüber, dass die moralischen Alarmanlagen nicht früher ausgelöst wurden. Nun hat der Manager das Wochenende glaubhaft mit sich gerungen, ob der Konzern bei dem Projekt an Bord bleiben soll. Kaeser hat sich die Entscheidung nicht einfach gemacht. Am Ende rang oder besser gesagt musste er sich dazu durchringen, an dem Vertrag festzuhalten. Der 62-Jährige kann solche Entscheidungen nicht alleine fällen. Letztlich ist er nur der oberste Angestellte einer Aktiengesellschaft. Es sind also Fondsgesellschaften und andere Anteilseigner, die den Siemens-Kurs bestimmen. Und das Kapital – anders lässt sich die Entscheidung nicht deuten – ist im Zweifel leider für Vertragstreue und gegen Vertragsstrafen, auch wenn der Ruf des Unternehmens beschädigt wird.

Die Person Kaeser taugt nicht zum Feindbild

Interessant sind in dem Zusammenhang zwei Dinge: Zum einen hat Kaeser in einem Brief, der einen nachdenklichen und offen mit sich ringenden Mann zeigt, angedeutet, dass er sich vielleicht anders entschieden hätte, wenn Siemens seine eigene Firma wäre. Das ist eine ungewöhnlich ehrliche Aussage für den Chef eines Dax-Konzerns. Die Person Kaeser taugt also nicht zum Feindbild, zumal er zugesagt hat, dass ein Siemens-Nachhaltigkeitsrat künftig Geschäfte wie jetzt in Australien dank eines Veto-Rechts stoppen kann. Damit haben die Protestierenden Siemens verändert.

Ein zweiter Punkt ist ebenso aufschlussreich: Aus einem Schreiben des australischen Ministers Matthew Canavan an Kaeser sprechen Gewinnsucht und Zynismus gegenüber den Kritikern des Kohle-Vorhabens. Es wird deutlich, wie ein Politiker einen Manager von oben herab behandelt. Daraus hat Kaeser Lehren gezogen: Er will nie wieder in eine solche Glaubwürdigkeitsfalle tappen. Bis zur Hauptversammlung am 5. Februar, wenn die Fridays-Kritiker ihm zusetzen, bleibt der Siemens-Chef in der Defensive. Dabei machen es sich die Klimaaktivisten leicht: Mit Kaeser-Schelte lässt sich mehr Aufmerksamkeit erzeugen als mit Attacken auf einen australischen Minister.

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