WÜRZBURG

Leitartikel: So macht der neue Gedenktag Sinn

Erstmals ist der 20. Juni in diesem Jahr nicht nur Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen, sondern auch deutscher „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“. Damit geht ein lang gehegter Wunsch des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Erfüllung. Alle öffentlichen Gebäude sind beflaggt, Bundespräsident Joachim Gauck hält in Berlin eine Rede.

70 Jahre nach Kriegsende ein weiterer Gedenktag. Muss das sein? Es wird darauf ankommen, was die Politik und der Vertriebenenverband daraus machen. Dass die Idee jahrelang umstritten war, hat gute Gründe. Allzu groß war der Verdacht, die organisierten Heimatvertriebenen wollten ihr Schicksal gegen das der Millionen Opfer deutscher Verbrechen in den 30er und 40er Jahren aufrechnen und so Geschichtsrevisionismus betreiben.

Ein Verdacht, der sich in der Vergangenheit durchaus belegen ließ, wenn man etwa den Widerstand vieler Heimatvertriebener gegen die Ostpolitik Willy Brandts in den 70er Jahren betrachtet. Selbst 1991 noch hat Erika Steinbach, damals die BdV-Präsidentin, im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Line als polnische Westgrenze gestimmt. Verständlich, dass so Misstrauen bei den Nachbarn in Mittel- und Osteuropa blieb. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Dabei ist unbestritten: Bis zu 14 Millionen Menschen wurden Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer angestammten Heimat Schlesien, Pommern, West- und Ostpreußen oder dem Sudetenland gewaltsam vertrieben, bis zu zwei Millionen sind auf den Trecks gen Westen ums Leben gekommen. Mit null fingen die Gestrandeten in der neuen Heimat an, die Einheimischen mit ihren Vorurteilen und Verlustängsten machten es ihnen oft nicht leicht. Dennoch haben die Flüchtlinge mit angepackt und ihren Beitrag zum Wiederaufbau geleistet. Der Schmerz über den Verlust der Heimat blieb, aber der neue Wohlstand hat ihn in vielen Familien gemildert. Eine eindrucksvolle Integrationsleistung auf allen Seiten.

Eine Integrationsleistung, die Vorbild sein kann, wenn heute in Deutschland und Europa nicht Menschen mit schlesischem oder sudetendeutschem Migrationshintergrund an die Tür klopfen, sondern Frauen und Männer arabischer oder afrikanischer Herkunft. Auch sie sind Habenichtse auf der Flucht vor Krieg, politischer Verfolgung, Rassismus und Hunger.

Die neue Führung im BdV hat glücklicherweise erkannt, dass formelles Erinnern und Folklore nicht reichen, will man auch künftig politisch Einfluss haben. Präsident Bernd Fabritius, seit November im Amt, steht für eine Weiterentwicklung der Erinnerungskultur. Der 50-Jährige hat zwar nicht den Zweiten Weltkrieg, als Siebenbürger Sachse im Ceausescu-Rumänien aber politische Unterdrückung erlebt. Sein Bekenntnis zu einer menschenwürdigen Aufnahme von Flüchtlingen, zu Empathie und konkreter Hilfe bei der Integration, ist eindeutig und lässt für rechtslastige Parolen, wie sie in der Vergangenheit zumindest vereinzelt im BdV zu hören waren, keinerlei Spielraum.

Wenn es der Politik und dem Vertriebenenverband also gelingt, die Bevölkerung nachhaltig daran zu erinnern, was in den Nachkriegsjahren geschafft wurde und zu ermuntern, diese Integrationsleistung heute im Umgang mit Flüchtlingen zu wiederholen, dann – und nur dann – macht der 20. Juni als Gedenktag richtig Sinn.

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