Leitartikel Startschuss für das Kandidaten-Raten

Noch hat sich Joachim Gauck selbst gar nicht offiziell geäußert. Aber sein beredtes Schweigen auf die Meldung, er verzichte auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident, werten viele doch als eine Art Bestätigung. Nach zwei Tagen ist die Diskussion über seine Nachfolge nicht mehr klein zu kriegen, das heitere Kandidaten-Raten ist längst im Gange.

Gauck hat dem Amt zwar wieder zu Ansehen verholfen und Ehre gemacht. Aber zuletzt hat er doch den Schwung der ersten Jahre vermissen lassen. Er trägt hart an seinen 76 Jahren und dachte wohl nach reiflichem Nachdenken: Schluss jetzt! So kennt man den früheren Bürgerrechtler: gradlinig und konsequent.

Schon strecken die ersten Kandidaten den Kopf aus der Deckung, die als Nachfolger ins Schloss Bellevue einziehen möchten. Die CDU bringt Bundestagspräsident Norbert Lammert ins Gespräch – mit der Begründung, im Wahljahr 2017 müsse Angela Merkel einen Kandidaten aus den eigenen Reihen präsentieren, um Stärke zu zeigen.

Doch bisher hat Merkel kein gutes Händchen mit eigenen Kandidaten bewiesen. Der IWF-Direktor Horst Köhler war ein Flop. Sein überraschender Rücktritt ohne echten Grund schockte die Union. Parteifreund Christian Wulff endete als Nachfolger im Desaster. Gauck wurde eher widerwillig wegen seiner untadeligen Biografie akzeptiert.

In Berlin gilt als ungeschriebenes Gesetz: Wer als Erster genannt wird, wird es garantiert nicht. Die Union hat allein keine erforderliche Mehrheit in der Bundesversammlung. Sie bräuchte einen Konsenskandidaten, der auch außerhalb der CDU/CSU vermittelbar wäre – oder sie müsste ihren Bewerber im dritten Wahlgang mit relativer Mehrheit durchboxen.

Beim letzten Mal wäre der hoch angesehene Außenminister Frank-Walther Steinmeier (SPD) ein denkbarer Bewerber dafür gewesen, von Merkel geachtet, respektiert über Parteigrenzen hinweg, besonnener Mahner statt hitziger Streiter – überdies einer, der mit der Nierenspende an die eigene Ehefrau moralisch Maßstäbe gesetzt hat.

Aber so wenig die CDU jetzt Steinmeier unterstützen würde, so schwer wäre der SPD ein CDU-Bewerber wie Lammert zu vermitteln. Natürlich könnte die Union versuchen, in der Bundesversammlung die Grünen ins Boot zu holen, auch so wäre eine Mehrheit möglich – wenn auch kaum für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Da würde die CSU nicht mitmachen.

Der verbittert wirkende Finanzminister Wolfgang Schäuble ist als Kandidat wohl nicht mehr vermittelbar. CDU-Mann Wolfgang Bosbach könnte es – wenn ihn nicht die Krebs-Erkrankung hemmen würde. Ursula von der Leyen hat Ehrgeiz auf ein anderes Amt.

Aber der Repräsentant müsste gar nicht aus dem Politikbetrieb kommen. Immer wieder wird Günther Jauch genannt. Warum eigentlich nicht? Oder wie wäre es mit Margot Käßmann, der wortgewaltigen Christin – kein Mensch ohne Fehler, aber eine moralische Institution? Andreas Voßkuhle könnte man sich vorstellen, den Chef der Verfassungsrichter. Peter Bofinger, den Würzburger Wirtschaftsweisen. Oder Klaus Töpfer, den früheren Umweltpolitiker und Rhein-Schwimmer, der dem deutschen Politik-Alltag längst entwachsen ist.

Merkel hat das Vorschlagsrecht, also die Qual der Wahl. Und wer sagt denn, dass sie am Ende nicht selbst antreten will, weil sie vom Kanzler-sein genug hat?

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