Leitartikel: Steinbrücks verlogene Sprüche

Leitartikel: Grenzen der Willkommenskultur

Das Betreuungsgeld ist verabschiedet – und das ist gut so. Es ist gut, dass für eine Weile wenigstens Schluss ist mit dieser ideologisch überfrachteten Debatte über die einzig wahre Art, ein Kleinkind zu betreuen. Ob in Talkshows oder im Bundestag – den ganzen Sommer über traten sie auf, die selbsternannten Erziehungsexperten der rot-grünen Opposition: Taten so, als führe sehr frühe Krippenbetreuung beim Kind zum Glück und bei Müttern zum Berufserfolg. Wollten Müttern gleichzeitig weismachen, dass sie die Bildungschancen ihres Kindes sabotieren würden, wenn sie das Kind ein, zwei Jahre lang selber betreuten, statt es in die Krippe zu geben. Das war und ist dermaßen realitätsfern, dass Mütter mit Lebenserfahrung es nicht mehr hören konnten. Wo bitte ist die namhafte Studie, die zeigen würde, dass ein einjähriges Kind, das die Krippe besucht, sich besser entwickelt als ein Kind zu Hause?

Als Beispiel für realitätsferne Äußerungen darf man den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bemühen, der meint, dass mit dem Betreuungsgeld „weniger Mütter eine eigene Berufsbiografie schreiben“ würden. Klar schreiben Mütter seltener beeindruckende Berufsbiografien als Nicht-Mütter. Aber nicht das Betreuungsgeld oder das früher sogar über drei Jahre gezahlte Erziehungsgeld ist daran schuld, dass Berufsbiografien von Müttern oft gescheckt, unorthodox und wenig beeindruckend sind. Schuld daran ist – und das wird Steinbrück sicher überraschen – das Kind. Ein Kleinkind schreit nachts und kostet Schlaf. Schnupft, fiebert, will gehätschelt und gewickelt werden und kostet tonnenweise Kraft und Zeit. Die von Steinbrück implizierte Forderung, alle Mütter könnten – bei frühzeitiger Krippenbuchung und sinnvoller Lebensorganisation – das Kind mehr oder weniger wegrationalisieren und sich so eine beeindruckende Berufsbiografie erschreiben, ist verlogen. Klar, manche Frauen schaffen es schnell, Kind und Job zu vereinbaren – und das sollen sie ja. Aber warum soll es schädlich sein, Frauen, die zwei Jahre mit Kind zu Hause bleiben wollen, den Anerkennungsbonus von 150 Euro auszuzahlen – einen Bonus, der im Wert sechs Großpackungen Windeln entspricht?

Wenn Steinbrück jetzt ankündigt, gegen das Betreuungsgeld klagen und es im Falle seiner Wahl wieder abschaffen zu wollen, stößt er alle Frauen vor den Kopf, die gerade mal zwei Jahre lang ihre Mutterrolle leben wollen und dabei auf eine minimale staatliche Unterstützung setzen. Und mit der Äußerung, dass frühe Fremdbetreuung des Kinds den Berufserfolg sichere, erzürnt er zusätzlich all jene Frauen, die in den letzten Jahrzehnten in dieser unserer Republik erleben mussten, dass genau das nicht stimmt. Unzählige Frauen haben sich doch in Familie und Job gleichermaßen abgeschuftet und erlebt, dass sie trotz doppelten Einsatzes und gleicher Qualifikation immer noch viel weniger verdienen als Männer. Die Gehaltsschere zwischen Frau und Mann ist größer denn je, die Unterschiede bei den Rentenansprüchen auch und Altersarmut bei Müttern skandalös.

Diese Benachteiligungen werden dadurch, dass man Frauen auffordert, ihre Kids noch schneller als bisher wegzurationalisieren, nicht aufgehoben. Ändern wird sich nur etwas, wenn Erziehungsleistungen in geldwerten Vorteil übersetzt werden. Aber auf dem Ohr ist Peer Steinbrück taub.

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