Leitartikel Trotz Wohlstands ist die Stimmung im Land mau

Die Deutschen sind mehrheitlich ein weises Volk. Zumindest nach der Definition des antiken Philosophen Epiktet. Der berühmte Stoiker hat schon in grauer Vorzeit jene Zeitgenossen als weise geadelt, die nicht bedauerten, was sie nicht haben, sondern sich an dem freuten, was sie haben. Gemessen daran sind 63 Prozent der Bundesbürger mit ihrer finanziellen Situation zufrieden – so viele wie noch nie in diesem Jahrtausend. Laut einer Studie des Sparkassenverbandes zieht sich das beglückende Gefühl durch alle Altersgruppen. Macht Geld also doch glücklich und sorgenfrei?

Radio Eriwan würde auf diese Frage wohl antworten: Im Prinzip ja, aber. . . Unzählige Studien haben sich in der Vergangenheit mit dieser Frage beschäftigt. Eine eindeutige Antwort vermochten sie allerdings nicht zu geben. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ohne einen gewissen materiellen Wohlstand ist es schwierig, richtig glücklich zu sein. Doch anders als von vielen vermutet, steigert finanzieller Reichtum nicht das persönliche Glücksgefühl. Für die innere Ausgeglichenheit ist es beispielsweise wichtiger, gute Beziehungen mit anderen Menschen zu pflegen sowie persönliche Freiheit zu genießen.

Ein Kurzurlaub ist besser als der Kauf einer Lederjacke

Hüten sollte man sich dagegen vor dem Gewöhnungseffekt. Er stellt sich bei materiellen Anschaffungen sehr schnell ein. In einem Gastbeitrag für „Zeit online“ hat der Psychologe Nico Rose deshalb geraten, „überschüssiges Geld lieber in Erlebnisse anstatt in Dinge“ zu investieren. Demzufolge ist es besser, für positive Erlebnisse wie einen Kurzurlaub Geld auszugeben, als sich eine neue Lederjacke zu kaufen. Rose begründet seine Empfehlung so: Die Jacke unterliegt, wie alles, was einfach nur da ist, dem Gewöhnungseffekt. Wir freuen uns, wenn wir sie das erste Mal tragen, und vielleicht auch bei der zweiten und dritten Gelegenheit – doch dann brauchen wir im Prinzip schon wieder den nächsten Kick. Rose nennt dieses Phänomen „hedonische Tretmühle“. Dagegen könnten positive Erlebnisse wie der Kurzurlaub immer wieder hochgeladen werden – und damit auch ein Stück weit die guten Gefühle, die mit dem Erlebnis einhergingen. Rose: „Wir zapfen gewissermaßen das Licht vergangener Freuden an, um die Gegenwart zu erhellen.“

Die Stimmung im Land ist schlechter als die Lage

Bemerkenswert ist: Trotz finanziellem und persönlichem Wohlergehen der meisten Deutschen ist die Stimmung im Land eher mau. Die englische Zeitschrift „The Economist“ hat sich kürzlich über diese ungewöhnliche Situation amüsiert. Tatsächlich ist es von außen betrachtet schwer zu verstehen: Die Wirtschaft boomt. Das Baugewerbe vermeldet Hochkonjunktur. Handwerker sind kaum zu bekommen. Auch die Stimmung im Handel ist gut. Dem Land geht es prima – aber die Deutschen schimpfen und verbreiten schlechte Stimmung.

Für die Mehrheit der Bürger sitzen die Schuldigen an diesem Missvergnügen in Berlin: Nur noch jeder vierte Deutsche findet, dass die Bundesregierung aktuell gute Arbeit abliefert. Gerade mal 24 Prozent der Bundesbürger sind mit der Arbeit des Kabinetts sehr zufrieden oder zufrieden, 76 Prozent weniger oder gar nicht. Gleichzeitig finden 41 Prozent der Befragten, dass das demokratische System nicht gut funktioniert. Vor einem Jahr waren es noch zehn Prozent weniger. Die Studie besagt ferner: Je populistischer die Menschen eingestellt sind, desto unzufriedener sind sie mit dem Zustand der Demokratie.

Dieser eklatante Vertrauensverlust verwundert ob des Dauerstreits in der Asylpolitik und des Zustands der Großen Koalition nicht. Vorbei sind – nicht nur für das Unionslager – die Zeiten anno 1957. Damals genügte es, die Parole „Keine Experimente!“ auszugeben, um Zufriedenheit in der Bevölkerung zu erzeugen – und bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit einzufahren.

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