München/Würzburg

Leitertikel: Die Bauern haben mehr Wertschätzung verdient

Die Stimmung unter den Bauern ist am Boden. Das zeigt sich an Feldern und Wegrändern, wo Landwirte mit grünen Kreuzen ein Mahnmal für ihren Berufsstand setzen. Und das zeigt sich an diesem Dienstag, wo Tausende Bauern auf Traktoren ihrer Wut Luft machen werden – auch in München, Würzburg und Bayreuth, insgesamt in 17 deutschen Städten. Dahinter steht die Gruppe „Land schafft Verbindung“ – zehntausende Landwirte, die sich übers Internet zusammengetan haben.

Wer deren Proteste nun als ewige Bauernjammerei abtut, als Wehklagen über zu niedrige Erzeugerpreise, zu schlechtes Wetter und zu strenge Vorschriften, verkennt den Ernst der Lage. Natürlich sind die Bauern nach diesem Jahr gefrustet, in dem vieles auf sie einprasselte – das Bienen-Volksbegehren in Bayern, die verschärfte Düngeverordnung, die Meldungen über schlechte Nitratwerte, die Blauzungenkrankheit, dazu noch der Tierskandal in Bad Grönenbach, der vor allem die Milchviehhalter im Allgäu empfindlich getroffen hat.

Die Landwirte fühlen sich an den Pranger gestellt

Was die Bauern aber auf die Straßen treibt, wiegt schwerer als all das: Sie fühlen sich von der Gesellschaft an den Pranger gestellt. Das liegt vor allem an der wachsenden Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen denen, die Lebensmittel produzieren und denen, die sie konsumieren. Eine sachliche Auseinandersetzung darüber, wie zukunftsfähige Landwirtschaft aussehen muss, scheint inzwischen kaum mehr möglich. Allzu unvereinbar sind die Standpunkte. Gedacht wird in Klischees, argumentiert mit Vorwürfen.

Klar muss die Politik auf die ökologischen Probleme wie das Insektensterben und die Nitratbelastung des Grundwassers reagieren. Aber es braucht Lösungen, die die landwirtschaftlichen Betriebe in die Verantwortung nehmen. So mancher aber macht es sich zu leicht, wenn er mit dem Finger auf die Bauern zeigt und sie als Wasserverschmutzer oder Tierquäler abstempelt.

Auch wenn es müßig ist, es zu betonen: Der allergrößte Teil der Tierhalter legt Wert darauf, dass es seinen Tieren gut geht. Genauso wie der allergrößte Teil der Landwirte auch kein Interesse daran hat, seinen Boden auszubeuten. Alles andere wäre Irrsinn: Denn die Bauern leben von gesunden Tieren und dem, was sie auf ihren Feldern anbauen.

Es ist an der Zeit, dass der Protest ernstgenommen wird

Das aber wird in der Diskussion um strengere Umweltauflagen gern ausgeblendet. Wenn etwa das zuletzt beschlossene Agrarpaket der Bundesregierung vorsieht, dass auf bestimmten Flächen pauschal 20 Prozent weniger gedüngt werden darf, bedeutet das auch ein Ertragsminus für die Landwirte. Und es ist nicht mit dem Hinweis getan, das müssten die Bauern halt hinnehmen. Werden sie für die Einbußen nicht entschädigt, trifft das vor allem die kleineren Höfe. Jene bäuerlichen Familienbetriebe, auf die man gerade in Bayern so stolz ist und die man ja erhalten will.

Dass die Bauern sich wehren, ist verständlich. Es ist an der Zeit, dass ihr Protest ernstgenommen wird – von der Bevölkerung, aber auch von der Politik. Die Agrarpolitik wird nicht ohne neue Auflagen auskommen, das muss den Landwirten klar sein. Aber nötig sind Auflagen, die in der Praxis auch umsetzbar und von Dauer sind, Planungssicherheit also.

Und es braucht wieder mehr Wertschätzung für die, die unsere Lebensmittel erzeugen. Ein Fünf-Millionen-Euro-Paket samt Imagekampagne für bayerische Lebensmittel und Schau-Bauernhof in München, wie Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber es plant, ist letztlich nur Symbolpolitik. Es würde ja schon reichen, mehr miteinander zu reden als übereinander.

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