Muslime in der CSU? Das passt schon!

Es kommt selten vor, dass die Frage, wer Minister im Kabinett von Angela Merkel werden könnte, bundesweit genauso heftig diskutiert wird wie die Frage, wer in einem nordschwäbischen Ort mit nicht einmal 3400 Einwohnern als Bürgermeister kandidiert. Vergangene Woche ist genau das passiert. Die Gemeinde Wallerstein wurde plötzlich zum Symbol für Intoleranz und rückschrittliches Denken, für bayerische Bierdimpfel-Provinzialität. Doch ganz so einfach ist die Sache auch wieder nicht.

Es beginnt mit der im Prinzip unspektakulären Nachricht, dass der ausgemachte Bürgermeisterkandidat der CSU nun doch nicht antreten will. Weil Sener Sahin aber Muslim ist und eben das der Auslöser für seinen Rückzug war, wird die Personalie zur Staatsaffäre. Nicht nur ein paar Leute im Ort, sondern auch in der CSU hatten massiv Stimmung gegen den gebürtigen Nördlinger gemacht. Sie sind der Meinung, dass ein Mann, der an Allah glaubt, nicht zu einer Partei passt, die sich christlichen Werten verschrieben hat.

Die ganze Republik debattiert über den Eklat

Als die CSU-Spitze davon erfährt, ist der Karren schon an die Wand gefahren und Sahin lässt sich nicht mehr umstimmen. Die ganze Republik debattiert nun über diesen Eklat. Typisch CSU, typisch Bayern, heißt es. Von einer Bankrotterklärung für die Integration ist die Rede. Sogar von Rassismus. Es ist gut und richtig, dass sich reihenweise mächtige CSU-Leute vor den Kandidaten stellen, der keiner mehr sein will. Doch mit Bedauern allein werden sie das Thema nicht aus der Welt schaffen.

Die offizielle Sprachregelung in der CSU geht so: Wir sind eine Volkspartei und jeder, der sich zu unseren Werten bekennt, ist bei uns willkommen. Klingt super, kann jeder unterschreiben. Doch gerade auf dem Land stellen sich viele Leute die Frage: Geht das überhaupt, dass jemand die muslimischen und die christlichen Werte lebt – gleichzeitig?

Angesichts islamistischer Fundamentalisten, die im Namen Allahs morden, muss diese Frage erlaubt sein. Man darf sie nicht verbieten, man darf sie nicht mit Appellen für mehr Toleranz wegwischen, man muss sie beantworten. Die Antwort gibt Sener Sahin selbst. Wenn wir es ernst meinen mit der Religionsfreiheit, mit unserer weltoffenen Kultur, dann sind Menschen wie der 44-Jährige mit deutschem Pass und türkischen Eltern Vorbilder.

Der Fall Wallerstein sendet ein fatales Signal

Er ist aktiver Teil dieser Gesellschaft – als Familienvater, als Unternehmer, als Fußballtrainer und beinahe sogar als Politiker, der sich in den Dienst seiner Gemeinde stellen wollte. Besser kann man gar nicht beweisen, dass verschiedene Kulturen, Religionen und Werte miteinander zu vereinbaren sind. Wenn man will. Und das ist es doch, was wir immer fordern: einen modernen Islam im Einklang mit unseren westlichen Grundüberzeugungen.

Deshalb ist der Fall Wallerstein ja so bitter. Weil er ein fatales Signal an Menschen mit ausländischen Wurzeln sendet, die sich in unserer Gesellschaft integrieren wollen. Nämlich: „Ihr könnt euch noch so sehr anstrengen, ihr werdet trotzdem nie richtig dazugehören.“

Eine Partei wie die CSU, für die der Glaube eine besondere Rolle spielt, hat an dieser Stelle auch eine besondere Verantwortung. Was in Wallerstein abgelaufen ist, kann jederzeit wieder passieren. Da hilft es auch nichts, wenn die Spitze Weltoffenheit und Toleranz von München aus verordnet. Sie muss die Menschen überzeugen. Natürlich ist das ein größerer Aufwand. Natürlich bedeutet das Widerspruch. Natürlich kostet das Zeit. Aber schließlich leben wir in einem Land, das zu Recht stolz ist auf seine Liberalitas Bavariae, auf die Maxime leben und leben lassen. Und es lebt sich einfach besser miteinander als gegeneinander.

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