Ost-Mark gegen „richtiges“ Geld

Einführung der D-Mark in der DDR       -  Nach langem Schlangestehen: Dieser junge Mann freut sich am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, vor einer Leipziger Sparkasse über seine D-Mark-Banknoten.
Nach langem Schlangestehen: Dieser junge Mann freut sich am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, vor einer Leipziger Sparkasse über seine D-Mark-Banknoten. Foto: Kai-Uwe Wärner, dpa

Für die meisten Bürger der DDR fand die Wiedervereinigung bereits am 1. Juli 1990 statt – gut drei Monate vor dem „Tag der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober. Und das hatte seine Berechtigung: Vor 25 Jahren trat zum Stichtag 1. Juli das erste staatliche Abkommen zwischen Bonn und Ost-Berlin, der „Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion“, in Kraft. Die Menschen feierten die Einführung der D-Mark euphorisch, stürmten schon um Mitternacht die Banken und Sparkassen, um ihre Ost-Mark gegen „richtiges“ Geld umzutauschen, mit dem man weltweit bezahlen konnte. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) versprach in einer Fernsehansprache am Abend „schon bald blühende Landschaften“ im Osten.

Ganz zweifellos: Die D-Mark spielte für das Zustandekommen des Vertrags eine überragende Rolle. Vor allem die Parole „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr“ – erstmals Mitte Januar 1990 bei Demonstrationen in Sachsen zu hören – verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land. Dass es den Menschen damit ernst war, wurde der Bundesregierung schnell bewusst.

Mehr als 344 000 Übersiedler waren 1989 aus der DDR in den Westen gekommen, fast 225 000 waren es allein zwischen dem 9. November 1989 (dem Tag es Mauerfalls) und Ende Januar 1990. Da vor allem junge und gut ausgebildete Leute wie Ingenieure, Ärzte, Chemiker, Lehrer und Facharbeiter „rübermachten“, stand die DDR-Wirtschaft kurz vor der Auszehrung. Im Westen fürchtete man eine Radikalisierung der Massen und eine Überlastung der Sozialkassen. Hätte sich der Exodus fortgesetzt, wären die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen auf beiden Seiten nicht mehr zu kontrollieren gewesen.

Dem „muss ein Ende gesetzt werden“ erklärte deshalb Kohl dem DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow (SED) am 14. Februar in Bonn und vereinbarte mit ihm die Einsetzung einer gemeinsamen Kommission zur Vorbereitung der Währungsunion und von Wirtschaftsreformen. Und dann ging alles noch viel schneller, als die Akteure sich jemals vorstellen konnten. Am 19. April wurde der CDU-Politiker Lothar de Maiziere vom ersten frei gewählten Parlament der DDR zum Ministerpräsidenten bestellt. Nur acht Tage später (27. April) begannen in Ost-Berlin die Verhandlungen für den ersten deutsch-deutschen Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Der Punkt „Soziales“ war auf Wunsch der DDR-Regierung einbezogen worden.

Atemberaubendes Tempo

Die Delegationen unter Leitung von Hans Tietmeyer (Mitglied es Direktoriums der Deutschen Bundesbank, deren Präsident er 1993 wurde) und Günther Krause (Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR) legten ein atemberaubendes Tempo vor. Schon am 18. Mai konnte das Vertragswerk von Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) und seinem DDR-Kollegen Walter Romberg (SPD) in Bonn feierlich unterzeichnet werden – sicherlich der erste große Schritt zur Einheit.

Gestritten – das aber umso heftiger – wurde nur über den Umtauschkurs der D-Mark zur Ost-Mark. Dieser Streit spitzte sich allerdings zum zentralen Punkt der Verhandlungen überhaupt zu: Wirtschaftlicher Sachverstand und politische Zumutbarkeit stießen dabei hart aufeinander. Während der Kurs der D-Mark zur DDR-Mark im innerdeutschen Handel damals „offiziell“ bei etwa 1:4,4 lag, wurden im freien Handel Quoten von 1:8 oder 1:9 erzielt.

Und wieder mischte das Volk massiv mit. „Eins zu eins, oder wir werden niemals eins“ tönte es lautstark und unmissverständlich bei Demonstrationen fast überall im Osten. Zudem hatten alle Parteien im Wahlkampf zur Volkskammer versprochen, nur einen Umtausch von 1:1 zu akzeptieren. Auch Kohl hatte einen Kurs von 1:1 zugesagt.

Im Westen kam die Kritik daran vor allem von der SPD-Opposition und den Wirtschafts- und Finanzexperten. An vorderster Front standen dabei Forschungsinstitute, Hochschullehrer und der hoch angesehene Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Zu den sogenannten fünf „Wirtschaftsweisen“ gehörte damals auch der Würzburger Volkswirtschaftsprofessor Dr. Otmar Issing, später Chef-Volkswirt der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank (EZB). In einem Interview mit der Wirtschaftsredaktion dieser Zeitung erläuterte er die ablehnende Haltung des Gremiums zu dem vorgesehenen Vertrag.

Unterschiedliche Systeme

Die Währungsunion dürfe keinesfalls am Anfang des Prozesses der wirtschaftlichen Vereinigung der beiden Teile Deutschlands stehen, so Issing. Zunächst müsse es eine behutsame Annäherung der unterschiedlichen Systeme geben. Maßnahmen wie die „Reform des Preissystems der DDR müssen vorangehen, andere Schritte (Gewerbefreiheit, Eigentumsreform etc.) müssen folgen.“ Issing verwies mit Nachdruck darauf, dass sonst der Anschein erweckt werde, als hätten die Lebensverhältnisse in der DDR bereits Anschluss an die des Westens gefunden. Die dafür notwendige Produktivität sei aber beispielsweise höchstens in Ansätzen vorhanden. Bei Löhnen und Gehältern hielt Issing einen Umtauschkurs von 1:1 für angemessen, einem Kurs von 3:1 oder 2:1 bei Sparguthaben stand er jedoch äußerst skeptisch gegenüber. Sehr zum Missfallen vieler DDR-Bürger, die sogar persönlich bei den Redaktionen in Bad Kissingen, Mellrichstadt oder Bad Brücken mit Protesten vorstellig wurden.

Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl sprach gar von einer „Schocktherapie“ für die ostdeutsche Wirtschaft, wenn sie „schlagartig der internationalen Konkurrenz“ ausgesetzt werde. Dem sei sie keinesfalls gewachsen. Pöhl warnte vor einem schwierigen Anpassungsprozess, bei dem es zu Massenentlassungen und vielen Betriebsstilllegungen kommen werde.

Im Konflikt zwischen Ökonomie und Politik entschied sich Kanzler Kohl für die politische Lösung. Der schließlich gefundene Kompromiss sah eine Umstellung der Löhne, Gehälter, Renten und Mieten von 1:1 vor, Bargeld und Sparguthaben von 2000 bis 6000 Mark (nach Lebensalter abgestuft) sollten ebenfalls 1:1, Beträge darüber hinaus im Verhältnis 2:1 umgetauscht werden. Forderungen und Verbindlichkeiten, damit auch die Schulden der Volkseigenen Betriebe (VEB) und Wohnungsunternehmen, wurden 2:1 umgestellt. Alles in allem errechnet sich daraus ein gesamter Umstellungskurs von 1,8:1.

Die Massenabwanderung aus der DDR wurde gestoppt, die Übersiedlerzahlen gingen von mehr als 73 730 im Januar auf nur noch 10 700 im Juni 1990 zurück. Die finanzielle Unterstützung des Bundesausgleichamtes für Abwanderer aus den Ost-Ländern wurde eingestellt, die Kontrollen an der innerdeutschen Grenze ebenfalls. Treppenwitz der Geschichte: Ausgerechnet die Bundeswehr, Armee des „kapitalistischen Klassenfeindes“, brachte in einem logistischen Kraftakt das neue Geld kistenweise an die Zahlstellen im Land. Die Nationale Volksarmee (NVA) transportierte die nicht mehr benötigte Ost-Mark zum Schreddern ab. Ein schönes Beispiel für eine friedliche Zusammenarbeit.

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