Würzburg

Samstagsbrief: Frau Brunschweiger, Kinder sind keine Umweltsünde

Die Regensburger Lehrerin Verena Brunschweiger hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder eine heftige Debatte entfacht. Ihr Buch "Kinderfrei statt kinderlos" erschien im März im Büchner-Verlag. Foto: Juliane Zitzlsperger/Büchner-Verlag

Sehr geehrte Frau Brunschweiger, Kinder sind für Sie also eine Umweltsünde und Frauen, die Kinder kriegen, rückständig und unglücklich. Kinder schaden nach Ihrem Verständnis nicht nur der eigenen Selbstverwirklichung, sondern mehr noch dem Klima und damit der Erde. Das also ist Ihr Beitrag zur Rettung der Welt. Fällt Ihnen wirklich nichts Besseres ein, als Millionen von Eltern und Frauen mit derlei bizarren Weltuntergangs-Szenarien aufzuschrecken und zu beleidigen? Mütter vor den Kopf zu stoßen, die an diesem Sonntag mal wieder ihren Ehrentag feiern? "Kinderfrei statt kinderlos" heißt Ihr kürzlich erschienenes Buch – und ich frage mich, was da der Gegensatz im Titel soll. "Das ist kein Buch gegen die Kinder, die schon da sind", sagten Sie in einem Ihrer zahllosen Interviews. "Ich spreche mich nur dagegen aus, noch mehr Menschen in die Welt zu setzen." Als würde das etwas ändern an Ihrer windschiefen Gedankenhütte.

Sie wollen keine Kinder, das ist Ihr gutes Recht. Aber woher rührt diese Häme gegenüber Frauen, die sich anders entscheiden? Warum dieser Angriff auf die heile Familie? Und: warum diese moralische Überhöhung? Sie könnten einfach sagen: Die Mutterrolle liegt mir nicht, ich mag mein kinderloses Leben. Stattdessen maskieren Sie Ihren Radikalfeminismus mit pseudowissenschaftlichen Thesen, die Sie noch dazu als Ultima Ratio im Kampf um das Universum darstellen.

Sie sagen nicht: Der Mensch schadet dem Klima, was jeder unterschreiben könnte. Sie sagen: "Ein Kind ist das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann." Das ist nicht nur ethisch mindestens umstritten – es ist auch wissenschaftlich wenig fundiert. Gerade von einer Akademikerin und Lehrerin hätte man mehr Differenziertheit und Expertise erwarten können. In Ihrem streitbaren Kernsatz – jedes nicht in die Welt gesetzte Kind bedeutet eine CO2-Einsparung von rund 50 Tonnen im Jahr – beziehen Sie sich auf eine Studie der Universität Vancouver. Diese 20 Monate alte Studie aber darf man zumindest in Zweifel ziehen, denn sie gründet auf einer Untersuchung aus dem Jahr 2009, die keinerlei Referenzwerte für Deutschland, noch nicht einmal für irgendein europäisches Land, liefert.

Die mit ihr befassten US-Wissenschaftler gehen darin einfach davon aus, dass künftige Weltbürger ihr Leben lang rechnerisch genauso viele Treibhausgase ausstoßen wie der heutige Durchschnitt. Diese bis ins Jahr 2400 reichende Hochrechnung auf Basis heutiger Werte ist zwar nicht zu widerlegen, hat aber mit wissenschaftlicher Seriosität ungefähr so viel zu tun wie eine Bauernregel mit dem Wetterbericht. Weder Sie noch ich wissen, wie sich künftige Generationen fortbewegen, womit sie heizen und woraus sie ihren Strom gewinnen. 

Ginge es Ihnen ernsthaft ums Klima und um ein "Manifest", würden Sie den Fokus auf andere Dinge legen. Wir rasen uns – mit dem Segen eines als Verkehrsminister getarnten Auto-Lobbyisten – weiter um Sinn und Verstand. Wir verbrennen auch die nächsten Jahre – wider jede ökologische Vernunft und vom Steuerzahler subventioniert – massenhaft Braunkohle, und wenn uns einer fragt, wo der Strom für unsere schicken Elektroautos herkommt, antworten wir selbstbewusst: aus der Steckdose. Daran hätten Sie Ihren Zorn ausrichten können. Sie könnten mit Ihren Schülern auch wirksame Methoden diskutieren, was jeder einzelne von ihnen für die Umwelt tun kann. Aber das ist natürlich nichts für die große Bühne.

Stattdessen erheben Sie sich zu einer Art Anti-Päpstin, die zur Kein-Kind-Politik aufruft, und schwingen unter dem Mantel hehrer Klimaschutzziele die feministische Keule. Sie verzerren, jammern, klagen an: wieviel mehr Steuern Sie als Kinderlose bezahlen, dass Sie Schulen oder Kitas mitfinanzieren – die ganze Schublade an Klischees, das ganze Arsenal einfacher Wahrheiten, wie sie in einschlägigen Debatten immer wieder zu hören sind. Als Vater zweier Kinder möchte ich Ihnen sagen: Eltern bekommen vom Staat nichts geschenkt, sie zahlen drauf. Jedes Kind kostet sie – im Übrigen nach seriösen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes – mindestens 120 000 Euro, bis es auf eigenen Beinen steht. Der Staat wiederum verdient – nach Abzug aller Förderkosten – netto rund 70 000 Euro mit jedem Kind, das nachher zum Steuerzahler wird. Dabei ist der Wert eines Kindes sowieso nicht in profanen Zahlen zu beziffern. 

Mit freundlichen Grüßen

Eike Lenz

Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.
Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch.
Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Warum ist Bildung Glückssache, Frau Karliczek?
  2. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  3. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  4. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  5. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  6. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  7. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  8. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  9. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!
  10. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
  11. Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!
  12. Antwort auf Samstagsbrief: Verständnis füreinander ist wichtig!
  13. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  14. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  15. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  16. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  17. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  18. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  19. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  20. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  21. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  22. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  23. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  24. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  25. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
  26. Klima-Debatte: Warum sich die Wissenschaftler festlegen
  27. Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!
  28. Samstagsbrief: Sie verdienen selbst den Preis, Herr Schmelter
  29. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
  30. Sind Sie Chef einer Poker-Zentrale, Herr Juncker?
  31. Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!
  32. Antwort auf den Samstagsbrief: Mehr als nur Mathe-Abi
  33. Samstagsbrief: Herr Reichhart, lernen Sie von den Tirolern!
  34. Samstagsbrief: Herr Lafontaine, ist bei Ihnen jetzt Ehekrach?
  35. Samstagsbrief: Respekt, Frau Kaniber, für Ihre Charmeoffensive!
  36. Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse
  37. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller
  38. Samstagsbrief: Frau Brunschweiger, Kinder sind keine Umweltsünde
  39. Samstagsbrief: Hat Ihnen Kevin Kühnert den Wahlkampf versaut, Herr Schulz?
  40. Samstagsbrief: Sind 30 Meter zu viel für die Gerechtigkeit, Herr Siebert?
  41. Samstagsbrief: Eure Heiligkeit, diese Haltung zu Kindesmissbrauch verstört!
  42. Herr Cryan, warum sind Abfindungen wie bei Ihnen so hoch?
  43. Samstagsbrief: Was macht Misstrauen mit uns, Herr Rörig?
  44. Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!
  45. Linke Nähe zur AfD? Klaus Ernst antwortet auf Samstagsbrief
  46. Samstagsbrief: Sie haben meinen Respekt, Greta Thunberg!
  47. Samstagsbrief: Wie nah sind sich "ganz links" und "weit rechts", Herr Ernst?
  48. Samstagsbrief: Wie trefflich locker ist Ihre Zunge wirklich, Herr Aiwanger?
  49. Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!
  50. Volksbegehren: Frau Becker, bleiben Sie hart!

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