Würzburg

Silver Society: Die jungen Alten kommen

In Europa sind 2030 mehr als die Hälfte der Menschen über 50. Sie können dann mit einer weiteren Lebenserwartung von rund 40 Jahren rechnen. Was tun mit so vielen Alten?
Daniel Dettling, Leiter des Zukunftsinstitut in Berlin, erklärt die Vorteile einer alternden Gesellschaft. Foto: Thomas Kierok

Egal ob in Berlin, in New York, in Tokio oder Rio. Überall auf der Welt altert die Bevölkerung. Das Zukunftsinstitut bezeichnet die Alterung der Weltbevölkerung sogar als zentralen Megatrend unserer Gegenwart. Der Jurist und Politikwissenschaftler Daniel Dettling (47) leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts. Das Zukunftsinstitut zählt nach eigener Aussage zu den wichtigsten Think-Tanks der Trend- und  Zukunftsforschung und liefert strategisches Wissen für die Wirtschaft von morgen. Im Interview erklärt Dettling, wie der demografische Wandel die Welt verändern wird und welche Vorteile eine alternde Gesellschaft haben könnte.  

Frage: Ab 2025 gehen die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, in Rente. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Daniel Dettling: Unsere Gesellschaft wird älter und bunter. Die Generation der Babyboomer ist gesundheitlich so fit und aktiv wie keine andere zuvor und verfügt über ein solches Budget an Zeit und Geld wie wahrscheinlich keine Generation nach ihr. Wir sprechen daher zu Recht von den „Silver Agern“. Die neuen Alten sind eine Generation im Aufbruch und Unruhezustand. Die Babyboomer leben nicht nur länger als ihre Eltern, sie fühlen sich auch länger jung. Wir alle können davon profitieren: Jüngere wie Ältere.  

Wie wird sich das auf Städte und Kommunen auswirken?

Dettling: „All politics is local!“ Der demografische Wandel entscheidet sich vor Ort. Den Städten und Gemeinden, die über einen optimalen Mix an Älteren, Jüngeren und Familien verfügen, gehört die Zukunft. Diese Zielgruppen sind kaufkräftig, an Zukunft und Lebensqualität interessiert und ziehen weitere Gruppen und Unternehmen an. Der richtige Mix aus Jung und Alt wird zum neuen Standortfaktor.

Ist die gesetzliche Rente in Gefahr?

Dettling: Das deutsche Rentensystem mit seinem Generationenvertrag ist demografisch anpassungsfähig. Die zentralen Stellschrauben sind Lebensarbeitszeit und Altersgrenze. Wir werden länger und anders arbeiten als frühere Generationen. Es wird mehr Zeiten für Weiterbildung und die Pflege von Angehörigen geben. Die gesetzliche Rente wird mehr leisten müssen als ein Grundeinkommen, sonst verliert sie ihre Akzeptanz. Private Vorsorge wie Betriebsrenten und die Riester-Rente werden wichtiger, um den Lebensstandard im Alter zu halten.

Die Lebenserwartung steigt und die Menschen fühlen sich länger jung. Theoretisch könnten auch mehr Rentner arbeiten oder müssen sie es sogar?

Dettling: Sie wollen sogar. Der Gesundheitszustand eines heute 65-Jährigen entspricht etwa dem eines 55-Jährigen vor 50 Jahren. Immer mehr Menschen arbeiten jenseits der Altersgrenze weiter oder fangen einen neuen (Neben-) Job an. Arbeit ist mehr als nur Lebensunterhalt. Immer mehr Ältere wollen auch in Zukunft Teil einer Gesellschaft bleiben, die sich wesentlich über Erwerbsarbeit definiert.

Der Jurist und Politikwissenschaftler Daniel Dettling leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts.  Foto: Thomas Kierok
Ist die Angst vor Altersarmut begründet? 

Dettling: Altersarmut ist weniger eine Frage der Alterskohorte denn der Arbeitsbiografie. Wer lange arbeitet und dabei gut verdient, wird später nicht verarmen. Von Altersarmut werden daher vor allem alleinerziehende Frauen, Selbständige und auch Migranten betroffen sein. Ihre Biografien sind oft unterbrochen oder prekär – oder beides. Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 der Anteil derer, die dann Grundsicherung im Alter beziehen, von heute drei auf sieben Prozent ansteigt.

Werden Lücken auf dem Arbeitsmarkt entstehen? 

Dettling: Der Fachkräftemangel ist bereits heute eine enorme Herausforderung. Vor allem soziale Berufe wie Pfleger, Erzieher und Lehrer können offene Stellen kaum noch besetzen. In den nächsten Jahren fehlen hier Tausende Fachkräfte. Weniger Sorgen mache ich mir im industriellen Sektor. Dank Digitalisierung und Automatisierung kann der Mangel an Arbeitskräften überwiegend kompensiert werden. Menschliche, soziale Arbeit wird in Zukunft aufgewertet und wesentlich besser bezahlt werden als heute.

Sie werden immer älter und es sind sehr viele: Sind die Babyboomer eine Herausforderung für die kommunalen Pflegenetzwerke?

Dettling: Erstens wird sich der Anteil der pflegebedürftigen Senioren deutlich erhöhen. Zweitens können immer weniger Angehörige selbst die Pflege vor Ort übernehmen. Die Babyboomer stellen drittens andere, höhere Anforderungen an Pflege. Sie wollen nicht nur betreut und versorgt, sondern einbezogen und aktiviert werden. Und das möglichst lange in den eigenen vier Wänden. „Aktives und vernetztes Altern“ wird zur zentralen Aufgabe von kommunalen Pflegenetzwerken. Es geht um Bündnisse, die eigene Pflege und professionelle Dienste verbinden.

Experten prognostizieren einen Leerstand vieler Eigenheime auf dem Land und befürchten Isolation, weil viele Babyboomer keine Kinder haben oder Kinder, die weit entfernt wohnen. Ist das realistisch?

Dettling: Ja. Die Babyboomer gehören zu den klassischen „Suburbanisierern“, die ab den 1980er Jahren in die Vorstädte gezogen sind, um sich dort den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Da sie oft schlecht an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden sind und viele von den Babyboomern in die Nähe ihrer Kinder ziehen, droht diesen Immobilien ein erheblicher Preisverfall. Viele Babyboomer altern ohne eigene Familie. Einsamkeit wird zur neuen sozialen Frage.

Was könnten die Vorteile einer alternden Gesellschaft sein?

Dettling: Eine alternde Gesellschaft verändert den Blick auf das Alter. In einer Gesellschaft, die mehrheitlich aus über 50-Jährigen besteht, verschiebt sich die Mitte des Lebens. In Deutschland geschieht dies früher als in anderen Ländern und Regionen. Die Alterung wird zum ökonomischen Vorteil für Produkte und Dienstleistungen, die eine global alternde Gesellschaft braucht. Nicht „Anti-Aging“, sondern eine Haltung des „Pro-Aging“ entscheidet über unsere Zukunft. In einer Gesellschaft der Älteren wird der Faktor Alter weniger relevant. Es geht vielmehr um Rücksichtnahme, Respekt und Zusammenhalt.  

Daniel Dettling
Der Jurist und Politikwissenschaftler studierte nach seinem Zivildienst in Israel Rechts-, Verwaltungs- und Politikwissenschaften sowie Politische Ökonomie an den Universitäten Freiburg, Fribourg (Schweiz), Berlin und Potsdam. Der 47-Jährige ist Herausgeber der edition Zukunftspolitik und Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (degepol). Daniel Dettling hat eine Tochter und zwei Söhne und lebt in Berlin-Kreuzberg.

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