„Sued-Link ist das Herzstück“

Die Bundesnetzagentur betrachtet die geplanten Stromleitungen von der Nordsee nach Süddeutschland als Voraussetzung für den erfolgreichen Umbau der Energiewirtschaft zu den Erneuerbaren. In persönlichen Gesprächen sondiert Vizepräsident Peter Franke die Stimmung in Politik und Bevölkerung.

FRAGE: Im Jahr 2022 sollen die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden. Wird dann die Stromversorgung gesichert sein?

Peter Franke: Wir sind sicher, dass uns das gelingen wird. Das setzt allerdings voraus, dass der Netzausbau, der die künftigen Erzeugungsschwerpunkte im Norden mit den Verbrauchsschwerpunkten im Süden verbinden soll, zügig vorangeht. Daran arbeiten wir. Das ist auch der Grund, warum die Projekte in der Umgebung von Grafenrheinfeld so wichtig sind.

Der Korridor für die Sued-Link-Trasse nach Grafenrheinfeld liegt schon vor. Sie ist ebenso wie die Südostpassage ins bayrische Schwaben sehr umstritten. Wieso werden sie überhaupt benötigt?

FRANKE: Es geht darum, dass in Süddeutschland bis 2022 erhebliche Kapazitäten an Kraftwerken vom Netz gehen, die Abnahmeschwerpunkte im Süden und Westen Deutschlands verbleiben, die Stromerzeugung, vor allem aus Windkraft, aber ihren Schwerpunkt in Nord- und Ostdeutschland haben wird. Deswegen brauchen wir großräumige Nord-Süd-Verbindungen.

Kritiker sagen, dass der Trassenausbau den großen Stromkonzernen nützt, der dezentralen Stromversorgung schadet und viel Geld kostet. Müssen die Verbraucher letztlich die Zeche dafür zahlen?

FRANKE: Die Kosten werden über die Netzentgelte, die Bestandteil der Strompreise sind, letztlich auf alle Stromverbraucher umgelegt; das ist richtig. Aber den Nutzen dieser großen Nord-Süd-Verbindungen haben alle Stromverbraucher, denn alle haben Interesse an einer sicheren Energieversorgung. Es ist gut, dass in vielen Gemeinden Bemühungen unternommen werden, in die dezentrale Erzeugung auf der Basis erneuerbarer Energien einzusteigen. Das hat eine entlastende Wirkung, ersetzt aber die großen Nord-Süd-Verbindungen nicht. Nur etwa ein Drittel des Stromverbrauchs entfällt auf die privaten Haushalte, der überwiegende Teil auf den gewerblichen, vor allem auf den industriellen Verbrauch. Dezentrale Konzepte, um die gesamte Stromversorgung zu gewährleisten, erscheinen aktuell nicht realistisch.

Da sind wir bei wichtigen Stichworten Versorgungssicherheit und Netzstabilität. Sued-Link soll eine Gleichstromleitung (HGÜ) werden. Kann sie überhaupt Netzschwankungen ausgleichen?

FRANKE: Sie können die Versorgungssicherheit in Süddeutschland gewährleisten. Gleichstromleitungen haben den Vorteil, dass mit ihnen verlustarm Strom über große Distanzen transportiert werden kann und das Stromnetz flexibler gesteuert werden kann. Das heißt auch, dass sie andere Funktionen haben als unsere bisherigen Netze, die vielfach Abzweigungen auf verschiedene andere Netzebenen haben. Dafür sind HGÜ-Leitungen weniger geeignet, weil immer bei jeder Abzweigung erst ein sogenannter Konverter, ein Umwandler, errichtet werden muss.

Die Gegner führen an, dass die Gleichstromübertragung gesundheitliche Belastungen nach sich ziehen könne. Wie steht die Bundesnetzagentur dazu?

FRANKE: HGÜ-Leitungen haben wie alle Stromleitungen Auswirkungen. Für elektromagnetische Strahlungen wurden in einer kürzlich novellierten Verordnung des Bundes Grenzwerte definiert, mit denen nach dem Stand von Wissenschaft und Technik gesundheitliche Schäden ausgeschlossen werden. Es gibt zudem die neue Regelung, dass Gebäude, die zum Wohnen und Aufenthalt von Menschen bestimmt sind, nicht überspannt werden dürfen. Schon in relativ naher Distanz zu Stromleitungen sind elektromagnetische Auswirkungen praktisch schon nicht mehr feststellbar. Die Abstände zu besiedelten Flächen werden bei der konkreten Trassensuche diskutiert werden. Die Bundesnetzagentur stellt bei ihrer Entscheidung sicher, dass die Grenzwerte eingehalten werden und die Menschen beruhigt sein können. Dieser Gesichtspunkt stellt den Netzausbau nicht infrage

Es wird kritisiert, dass viele Fakten nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit gelangen. Welche Rolle spielt die Bundesnetzagentur bei der Information?

FRANKE: Wir haben während der Bedarfsermittlung im Rahmen des Netzentwicklungsplans bundesweit Informationsveranstaltungen gemacht. Für die vorgeschlagenen Trassenkorridore ist dies nun zunächst Aufgabe der Netzbetreiber. Daran beteiligen wir uns. Wir suchen auch auf andere Weise den Kontakt zur Öffentlichkeit, teilweise durch Termine, wie wir sie in dieser Woche in Schweinfurt und Bad Kissingen hatten, bei denen wir mit Bürgermeistern und anderen Gemeindevertretern ins Gespräch kommen wollen, um deutlich zu machen, wie es im Verfahren weitergeht. Wir wollen ein Gefühl dafür bekommen, wo die Problempunkte liegen, auf die wir uns einstellen müssen, wenn die eigentlichen Genehmigungsverfahren, wahrscheinlich noch in diesem Jahr, beginnen.

Der Großteil der Kommunalpolitiker entlang der Sued-Link-Trasse in den Landkreisen Bad Kissingen und Schweinfurt hat sich dagegen positioniert.

FRANKE: Wir erwarten, dass in der Sache noch intensiv diskutiert wird, zum Beispiel worin die Hindernisse für den Trassenverlauf liegen. Wo es möglich ist, sollen Hindernisse schon im Vorfeld der förmlichen Verfahren ausgeräumt werden.

Gibt es aus Ihrer Sicht Alternativen zum Sued-Link?

FRANKE: Eine Alternative in dem Sinne, dass man auf die Leitung grundsätzlich verzichtet, gibt es unter Bedarfsgesichtspunkten nicht. Sued-Link ist von den großen Nord-Süd-Verbindungen die mit Abstand wichtigste, sie ist das Herzstück des Netzausbaus. Es werden aber sicherlich Alternativen zum Korridor diskutiert werden. Im Raum Schweinfurt haben wir die Besonderheit, dass alle Nord-Süd-Verbindungen an ehemaligen Kernkraftwerkstandorten enden. Von dort aus ist das Übertragungsnetz weitgehend bedarfsgerecht ausgebaut. Alle Varianten für Sued-Link enden deswegen bei Grafenrheinfeld. Das liegt in der Natur der Sache.

Peter Franke

Die Bundesnetzagentur ist als Regulierungsbehörde für den Wettbewerb in den Netzmärkten zuständig. Ihr Vizepräsident ist Peter Franke, dem unter anderem der Bereich Energie untersteht. Die Bundesnetzagentur ist zudem für den beschleunigten Ausbau des Stromnetzes im Rahmen der Energiewende verantwortlich. Sie setzt auf drei große Stromleitungen, eine davon ist der sogenannte Süd-Link, der von Wilster nahe der Nordsee nach Grafenrheinfeld (Lkr. Schweinfurt) führen soll. FOTO: A. Anders

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