Würzburg

Volksbegehren Artenvielfalt: Wer unterschreibt, muss mehr wollen

Volksbegehren Artenvielfalt: Wer unterschreibt, muss mehr wollen
Maisfeld bei Volkach. Hätte das Volksbegehren Artenvielfalt Erfolg, wären die Folgen für die Landwirtschaft immens. Foto: Patty Varasano

Da ist also jenes kleinste Nutztier, das Blüten von Obstbäumen und Ackerpflanzen bestäubt, fleißig Nektar sammelt und uns mit Honig und duftendem Wachs das Leben versüßt. Bienen retten, wer sollte da etwas dagegen haben. Für Bienen kann man sich schon mal die Mühe machen und fröhlich summend im Rathaus Schlange stehen. Für eine Unterschrift, die das schlechte Gewissen beruhigt und mit der man das Gefühl hat, eben mal was richtig Gutes zu tun.

Die Initiatoren des Volksbegehrens Artenvielfalt haben einen plakativen Sympathieträger gewählt, Landassel, Bockkäfer oder Springschrecke machen sich auf Plakaten nicht so gut. Aber um sie geht es in den nächsten zwei Wochen auch. Um Breitrüssler, Lurche, Wanzen, Asseln, um Tausendfüßler, Frösche, Vögel . . . und am Ende um den Menschen.

Der Spezies Homo sapiens geht es gut – zu hohem Preis 

Um uns? Der Blick auf Evolution und Zustand der Welt lässt nur einen Schluss zu: Homo sapiens geht es gut. In den Industriestaaten zumindest, und vielleicht so gut wie nie. Nie in den vergangenen Jahrtausenden hatten so viele Menschen genug zu essen, genug sauberes Wasser zu trinken, immer Energie für Licht, Heizung und Fortbewegungsmittel und dazu ausreichend Zugang zu guter Medizin.

Aber zu welchem Preis? Würden alle Menschen so leben wie wir in Deutschland, mit unserem Komfort, unserem Wohlstand, Rohstoffverbrauch, Materialbedarf, Energieeinsatz . . . Wissenschaftler haben ausgerechnet: Wir bräuchten drei Planeten dafür.

Alles hängt mit allem zusammen

Und selbst wenn es nur zwei wären oder auch nur der eine: Wir verschwenden. Wir verschleudern. Und wir lassen der Erde keine Zeit mehr zum Erholen. Auf Köcherfliege und Sandlaufkäfer – klar, kann man verzichten. Und was braucht es Motten? Aber alles hängt mit allem zusammen. Ökosysteme sind komplex und sensibel. Und es geht eben nicht nur um das Schwinden der Honigbiene und ihrer wilden Verwandten, nicht nur um die Sorge, dass keiner mehr Äpfel, Erdbeeren, Raps und Sonnenblumen bestäubt . . .

Ob jetzt 54 Prozent aller Bienen bedroht oder schon ausgestorben sind, wie die Initiatoren des Volksbegehrens sagen. Ob jetzt 73 Prozent aller Tagfalter schon verschwunden sind oder doch weniger, ob es nur noch ein Viertel so viel Fluginsekten gibt wie noch vor ein paar Jahrzehnten und ob nur noch halb so viele Vögel wie vor 30 Jahren – die genauen Zahlen, könnte sie überhaupt jemand erfassen, sind Nebensache.

"Größtes Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier"

Man muss nicht Schlagzeilen-trächtig und höchstdramatisch vom "größten Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier" sprechen um zu begreifen: Maisfelder statt wilde Wiesen, kilometerweit Felder ohne Hecken, zersiedelte Landschaften, verdichtete Orte, Flächenfraß, Betonwüsten, Straßen . . . Da laufen – durch unseren Lebensstil, unseren Umgang mit den Schätzen der Natur – weltweit gerade Vorgänge ab, die nicht mehr umkehrbar sind.

Artenschutz – das ist nichts nur für ein paar Schmetterlingsliebhaber, Hobbyimker und Vogelfreaks. Sondern für uns alle. Genau deshalb ist das Volksbegehren, das die ÖDP initiiert hat, gut. Weil diskutiert wird und gestritten. Weil jetzt der Naturschutz plötzlich ein Thema auf der Straße ist, in der Kneipe, im Büro, auf allen sozialen Kanälen. Weil sich jeder überlegen kann, was ihm wichtig ist.

Schon 1,7 Prozent – da könnte was gehen 

Am ersten Tag haben schon 1,7 Prozent der knapp 9,5 Millionen Wahlberechtigen unterschrieben. Zehn Prozent sind bis 13. Februar nötig. Da könnte was gehen. Ein Erfolg des Begehrens beziehungsweise des möglichen folgenden Volksentscheids würde viel bedeuten.

Wer sich in die Listen einträgt, stimmt für eine tiefgreifende, eine nötige Umstellung der Landwirtschaft. Gegen Industrialisierung und immer weitere Intensivierung. Für Bewirtschaftungsformen, die schonend mit möglichst wenigen Eingriffen auf Artenvielfalt achten, bei der es nicht um das Ausnutzen der allerletzten Fläche, nicht um Ertragsoptimierung bis ins hinterste Ackereck geht.

Artenschutz kostet – mehr als eine Unterschrift 

Das kostet. Zuvorderst die Bauern. Am Ende uns alle. Wer jetzt die Biene retten will, muss bereit sein, für seine Äpfel und seine Pommes mehr auszugeben und im Supermarkt nicht die billigste Milch zu kaufen, sondern die, auf der Bio steht. Und wer dann nach dem Unterschreiben aus dem Rathaus kommt, kann sich fragen, ob statt der pflegeleichten Steine im eigenen Garten nicht Brennnesseln wachsen könnten. Der Hummel zuliebe. Und uns selbst.

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