Wie Erdogan Atatürks Erbe nutzt

„Jene Türken, oder Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund, die sich auf deutschen Straßen an den Demonstrationen gegen Kurden oder für den Staat Erdogan beteiligen, haben meist ein eher heroisches Gesellschaftsbild“, das sagt der Würzburger Historiker Dr. Gerrit Dworok. Warum das so ist, erklärt er im Interview.

Frage: Der Gründer der türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk hatte eine genaue Vorstellung, wie ein Staat auszusehen habe. Wendet sich Erdogan nun vom Kemalismus ab?

Gerrit Dworok: Nein, das würde ich so nicht sagen. Erdogan wandelt den Kemalismus eher zu seinen Gunsten um. Das heißt, immer wenn Kemal Atatürk nützlich ist, dann bezieht sich Erdogan auf ihn. Gleichzeitig versucht er aber auch bei jeder Möglichkeit, den Kemalismus zu entkräften und Begriffe umzudeuten. Das ist eine Art Mogelpackung.

Wo macht sich diese Mogelpackung in der türkischen Politik bemerkbar?

Dworok: Ein gutes Beispiel ist der Laizismus, traditionell ein wichtiger Pfeiler des Kemalismus. Für Atatürk bedeutete das die strikte Trennung von Glaube und Staat. Erdogan interpretiert den Laizismus hingegen einfach anders. Für ihn bedeutet Laizismus, dass der Staat Einfluss auf die religiöse Erziehung nimmt.

Trotzdem ist Erdogan in seinem Land unglaublich beliebt. Woran liegt das?

Dworok: Der wirtschaftliche Faktor spielt eine ganz große Rolle. Erdogan hat sehr gute Projekte auf die Beine gestellt. Da ist zum Beispiel der Autobahnbau oder der Tunnel, der unter dem Bosporus entlangführt. Das sind alles Megaprojekte. Übrigens auch ein Erbe Atatürks. Er nannte das damals Etatismus, also dass die Wirtschaft mit staatlicher Politik einhergeht. Das ist heute immer noch der Fall und hat viel mit der Idee zu tun, dass ein Staat sich immer weiter modernisieren muss.

Wirtschaftliche Entwicklungen in der alten Heimat können doch keine Argumente für in Deutschland lebende Türken sein, mit Erdogan zu sympathisieren. Was ist es also, das die Deutschtürken so an dem Staatspräsidenten fasziniert?

Dworok: Das hat viel mit dem jeweiligen Gesellschaftsbild zu tun. Da sind Begriffe wie Ehre und Stärke sehr präsent. Aus bundesdeutscher Perspektive sind das ja eher altertümliche Begriffe, die für unsere postheroische Gesellschaft keine große Rolle mehr spielen.
Außerdem sind viele Erdogan-Anhänger sehr nationalistisch ausgerichtet. Auch die, die hier in Deutschland leben. Das erklärt sich aus dem Umstand, dass nicht alle in der deutschen Gesellschaft angekommen sind. Manche erhielten niemals wirklich eine faire Chance seitens der deutschen Gesellschaft, andere hingegen brachten Lebensentwürfe mit, die einfach nicht kompatibel waren. Da gab und gibt es verschiedene Problemlagen.
In diesem Kontext besinnen sich einige Deutsch-Türken mehr auf ihre Wurzeln. Das fängt dann schon damit an, dass vor allem türkische Medien konsumiert werden. Diese vermitteln das Bild einer weltweiten türkischen Kulturnation. Stolz zu sein, Türke zu sein, ist in der Türkei ein zentraler Wert. Und dieser wird teilweise sehr entschieden in die Gemeinden in Deutschland getragen.

Welche Rolle spielt dabei die Religion?

Dworok: Mittlerweile leider eine entscheidende Rolle. In einer Welt, die sich schnell verändert und in der viele Unsicherheiten und Konflikte vorhanden sind, rückt der Glaube auch wieder stärker in den Vordergrund. Das passiert in der Türkei in einem Maße, das altgediente Kemalisten und ehrlich gesagt auch mich selbst überrascht.

Immer wieder wird davon gesprochen, dass dabei die Ditib, der Dachverband, der viele der Moscheen in Deutschland koordiniert, auch in der Bundesrepublik Einfluss hat. Trägt die Religion ihren Teil zur aktuellen Entwicklung bei?

Dworok: Durchaus. Wie sich Nationalismus und Religion auf gefährliche Art vermengen, kann man auch gut an dem Beispiel der Freitagspredigt nach dem Putschversuch vom 15. Juli sehen. Sie wurde von Ditib verteilt und veröffentlicht; Ditib wiederum wird geleitet vom Ministerpräsidialamt in Ankara. Das heißt, es ist wirklich ein langer Arm von Ankara hier nach Deutschland hinein.

In der Predigt ist viel von einer angeblichen Rettung der Demokratie die Rede – ein Unding, wenn man bedenkt, wie momentan mit vielen tausenden Regimekritikern umgegangen wird, die nicht an jenem Putschversuch beteiligt waren, aber dennoch einer „Säuberungswelle“ zum Opfer fielen. Das eigentlich Bezeichnende in der Freitagspredigt ist ferner Folgendes: Dort heißt es zum Beispiel „ohne Heimat kann es kein Volk, ohne Volk keine Heimat geben“ und weiter „Religion ist Heimatliebe“. Das sind schöne Phrasen für einen ganz klar national ausgerichteten Glauben. Jeder wahre Türke soll erstens religiös sein, im sunnitischen Sinne, und zweitens die türkische Heimat lieben und ehren.
Was auch auffällig ist: Es wird sehr oft vom Volk gesprochen. Und der Führer des Volkes, auch der Türken im Ausland, ist Erdogan. Dieser gemischt religiöse-nationalistische Ansatz ist bemerkenswert und meines Erachtens kritikwürdig. Wie viele Leute sich diese Predigt wirklich anhörten, kann ich nicht sagen. Fakt ist aber: Sie ist ein offizielles Dokument und steht unter der Schirmherrschaft Ankaras.

Der Prediger Fethulla Gülen und seine Bewegung spielen in dem aktuellen Konflikt eine entscheidende Rolle. Die Regierungspartei unterstellt ihnen, für den Putschversuch verantwortlich zu sein. Wie schätzen Sie Gülens Rolle ein?

Dworok: Meiner Meinung nach ist das ein Machtkampf innerhalb der AKP. Die Partei war schon bei ihrer Gründung 2001 ein Zusammenschluss zweier religiöser Gruppierungen mit starken Führungspersönlichkeiten. Zum einen die, die religiös konservativ im herkömmlichen Sinne sind und von Erdogan geführt werden; und auf der anderen Seite die eher spirituell und bildungspolitisch ausgerichtete Gülen-Bewegung. Für beide Strömungen ist Religion zentraler Lebensinhalt, vor allem ist der Islam für beide politisch. Seit einiger Zeit ist ein Machtkampf entstanden. Ich denke, Erdogan will den Gülen-Flügel kleinhalten beziehungsweise zerstören. Aber auch die Gülen-Seite ist da nicht viel besser und kämpft mit harten Bandagen. Den Grund kann ich nicht nennen – vieles ist haltlose Spekulation.

Was ist Ihrer Meinung nach denn der größte Fehler, den wir im Umgang mit der Türkei machen?

Zum ersten muss die deutsche und europäische Politik eine klare Linie haben und zeigen, dass man von den eigenen Werten und Interessen überzeugt ist. Es muss klar werden, dass es eine Strategie gibt, in der die Türkei eine gewichtige Rolle spielt.

Ferner geht es aber auch um Verständnis und Kommunikation. Viele Deutsche gehen von einem System aus, das auf Gewaltenteilung basiert, in  dem demokratische Mechanismen einwandfrei funktionieren und Gewalt  sowie ethnische Konflikte keinerlei Rolle mehr spielen. Wir müssen uns aber auch daran erinnern, dass das bundesrepublikanische System nicht aus gutem Willen und freien Stücken entstand. Es wurde nach der von Deutschen zu verantwortenden Katastrophe im Nachgang des Zweiten Weltkriegs mühevoll aufgebaut und musste sich erst beweisen. Einige deutsche Beobachter gehen nun davon aus, dass sich die Türkei so entwickelt wie die Bundesrepublik Deutschland. In anderen Regionen dieser Welt wie zum Beispiel im Nahen Osten, zu dem die Türkei ja auch gehört, herrschen aber andere  Bedingungen vor, es gelten andere Grundwerte und es greifen andere politische Mechanismen.
Zum Beispiel ist die Sichtweise auf das Militär und den Einsatz von Gewalt eine andere. Wir sind da oft sehr kritisch und vergessen, dass die Türkei etwa in Syrien an  Kriegsgebiete angrenzt und sich in einer Art Bürgerkrieg mit kurdischen Truppen befindet. In diesem politischen Umfeld muss Erdogan agieren und er hat es leicht, nationalistische Emotionen zu wecken, wenn es ihm nutzt.

Ich möchte das nicht schönreden, aber wir sollten schauen, dass wir stets mit mehreren türkischen Partnern im Gespräch bleiben und uns mehr auf die Gemeinsamkeiten besinnen als auf die Unterschiede. Da gibt es beispielsweise einige historische Berührungspunkte, wie zum Beispiel die militärische Zusammenarbeit im Ersten Weltkrieg, den Bau der sagenhaften Bagdadbahn, oder die bis heute währende Zusammenarbeit in der NATO. Türken und Deutsche sind sich einander nicht so fremd, wie es bisweilen den Anschein haben mag – und darauf sollten wir, bei aller nötigen Kritik in Bezug auf die Geschichte und Gegenwart, aufbauen.

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