Würzburg

Wir über uns: Warum Corona-Verschwörer bei uns keine Chance haben

Mit Beginn der Covid-19-Krise erleben wir auch eine Pandemie der Falschinformationen. Wer krude Thesen unters Volk streut, erhält dafür von der Redaktion keine Plattform.
 Verschwörungstheorien und Falschmeldungen haben während der Corona-Krise Hochkonjunktur.
 Verschwörungstheorien und Falschmeldungen haben während der Corona-Krise Hochkonjunktur. Foto: Franziska Gabbert

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Nicht nur das Coronavirus verbreitet sich seit Wochen überall auf der Welt. Wir erleben gleichzeitig eine Pandemie der Verschwörungstheorien. Fehlinformationen und Lügen infizieren mit rasanter Geschwindigkeit das Internet. Es wird wild über die „wahre Herkunft“ des Virus spekuliert, wer wirklich dahintersteckt und welche Interessen damit angeblich verfolgt werden. Viele Menschen sind deshalb verunsichert. Wem sollen sie noch glauben? Sagen uns die Politiker wirklich die Wahrheit? Ist der Lockdown etwa eine wahnwitzige Maßnahme wider besseres Wissen?

Aus zahlreichen Zuschriften weiß ich, dass auch viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, oft hin- und hergerissen sind. Das ist normal. Zumal in außergewöhnlichen Krisenzeiten wie diesen. Experten erklären das Verhalten so: Wir alle neigen dazu, Muster zu suchen und zu erkennen, damit wir die Welt um uns herum einordnen können. „Je stärker die Unsicherheit, desto eher suchen die Menschen nach Erklärungen, die über das hinausgehen, was an Informationen in den klassischen Nachrichtenmedien da ist“, sagt die Hamburger Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw. Die Gefahr dabei ist allerdings, bei dieser Suche Verschwörungstheoretikern auf den Leim zu gehen.

Es ist falsch, dass kritische Stimmen zu den Corona-Maßnahmen nicht gehört werden

Mich erreichen immer wieder Mails, in denen Leserinnen und Leser der Redaktion unterstellen, nur die halbe Wahrheit zu schreiben. So kritisiert beispielsweise Daniela R., dass weder Main-Post noch andere Medien berichten, wie wir von „Merkel und ihren Ministranten Söder und Spahn (MSS) am Nasenring durch die Manege“ geführt werden. „Und 80 Prozent der Deutschen (Presse inklusive) macht noch 'muh'.“. Eine andere Leserin verweist darauf, dass es „weltweit viele Mediziner, Virologen, Wissenschaftler gibt, die doch zu sehr gegenteiliger Meinung zu denen unserer Politiker gelangen“. Sie fragt sich, „wieso diese Meinungen nirgends in der Öffentlichkeit, in der Berichterstattung zu finden sind“.

Um es klar zu formulieren: Der Eindruck ist unzutreffend, dass kritische Geister, die den Regierungskurs für falsch halten, in den Medien nicht zu Wort kommen. Dieser Vorwurf lässt sich durch zahlreiche Beispiele leicht entkräften. An dieser Stelle sei stellvertretend verwiesen auf eine Aussage des Finanzwissenschaftler Stefan Homburg, die wir einem Faktencheck unterzogen haben. Er behauptet in einem Video-Interview auf Youtube dass die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie nicht nötig und nicht wirksam gewesen seien. Experten  haben begründete Zweifel an dieser These.

Verschwörungstheoretikern bieten wir keine mediale Plattform

Keine mediale Plattform bieten wir dagegen Verschwörungstheoretikern für ihre kruden Thesen. Diese Leute tischen uns ein breites Lügengewebe auf. Da hören wir beispielsweise die Mär vom völlig harmlosen Coronavirus, das aber zugleich von bösen Mächten im Labor gezüchtet worden sein soll. Kontaktsperren werden als Zwangsmaßnahme dargestellt, die zum Ziel hätten, den Deutschen anschließend eine fatale Impfdosis aufzuzwingen. Und die Regierungsarbeit wird als Staatsterror gegeißelt.

Glauben Sie nicht, liebe Leserinnen und Leser, dabei handele es sich um ein  Randphänomen der Corona-Krise. „Alle möglichen Verschwörungstheorien, die vorher schon herumgeisterten, bekommen in der Corona-Pandemie einen neuen Anstrich“, erklärt der Politikwissenschaftler Josef Holnburger an der Uni Hamburg. Je beklemmender das Gefühl der augenblicklichen Verunsicherung, desto anfälliger zeigen sich auch diejenigen dafür, die sonst eigentlich misstrauisch sind. Sie erliegen schlicht dem fatalen Irrglauben, dass es einfache Antworten auf komplexe Fragen gibt

Warum sich Journalisten bei der Corona-Berichterstattung manchmal in der Zwickmühle befinden

Uns Journalistinnen und Journalisten bringt diese irrige Annahme in eine Zwickmühle. Sollen wir offenkundigen Unsinn aufgreifen und Falschinformationen richtigstellen? Wohlwissend, dass wir damit dem Autor der ein öffentliches Podium bieten. Oder ist es nicht sinnvoller, offenkundige Absurditäten zu ignorieren? Die Redaktion der Main-Post hat schon zu Beginn der Corona-Krise entschieden, sich nicht mit erkennbaren Desinformationen zu beschäftigen. Sonst bestünde nämlich die Gefahr, dass wir fragwürdige Positionen auf eine Stufe hieven mit anerkannten Fakten. Die Folge wäre eine sogenannte falsche Gleichgewichtung, wodurch Fake News und gefährliche Aussagen mehr Raum bekommen als ihnen zusteht.

Das ist unter anderem der Grund, weshalb wir uns bislang nicht ausführlicher mit den Thesen des Mediziners Wolfgang Wodarg beschäftigt haben, der in Fachkreisen durchaus als erfahrener Wissenschaftler gilt. Wodarg war Leiter des Flensburger Gesundheitsamtes, hatte ein Stipendium an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und saß von 1994 bis 2009 für die SPD im deutschen Bundestag. Er erhält im Netz zwar viel Zuspruch. Doch die Mehrzahl der Fachleute widerspricht seinen Thesen scharf.

Glauben Sie nichts, wofür es keine eindeutigen Beweise gibt!

Dazu nur ein kurzes Beispiel. Wodarg behauptet, das Virus sei wahrscheinlich gar nicht so neu. Man könne nicht wissen, „ob nicht schon in Peking oder in Italien früher diese Viren vorhanden waren“. Man habe „nie danach suchen können und nie danach gesucht“. Die Nachrichtenagentur dpa stellt dazu im Faktencheck fest: „Das Virus ist nach übereinstimmender Ansicht von Forschern kürzlich zum ersten Mal bei Menschen aufgetreten.“ Wie neu genau Sars-CoV-2 sei, könne man schwer sagen. Forscher bezweifeln, dass es das Virus schon Jahre vor den ersten Krankheitsfällen in China gab, „allenfalls wenige Monate vor der Entdeckung im Dezember“, schätzt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer.

Grundsätzlich empfehle ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nichts zu glauben, wofür es keine eindeutigen Beweise gibt. Seien Sie skeptisch. Informieren Sie sich aus seriösen Quellen. Seien Sie vor allem vorsichtig bei anonymen Verlautbarungen in Youtube-Videos oder bei Sprachnachrichten auf WhatsApp, deren Urheber Sie nicht kennen.

Bleiben Sie gesund und gut informiert!

Herzliche Grüße

Ihr

Michael Reinhard

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