„Die Situation ist ernst“

Schweinegrippe
Besorgt mit Bedacht: Professor Jörg Hacker, der Präsident des Robert-Koch-Instituts.
Foto: FOTO ddp | Besorgt mit Bedacht: Professor Jörg Hacker, der Präsident des Robert-Koch-Instituts.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat im Kampf gegen die Schweinegrippe eine Schlüsselstellung in Deutschland. Das Berliner Institut ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und Prävention. Und unter seinem Dach sitzt auch das Nationale Referenzzentrum für Influenza, das die Ausbreitung von Grippeviren in Deutschland erfasst, überwacht und untersucht. In diesen Tagen laufen beim RKI alle Informationen über die Schweinegrippe zusammen. Vor einem Jahr wurde der Mikrobiologe Professor Jörg Hacker von der Universität Würzburg als Präsident ans RKI berufen.

Frage: Professor Hacker, haben Sie Ihren Mitarbeitern heute Morgen die Hand gegeben?

Professor Jörg Hacker: Das sollte man ja eigentlich nicht machen. Ich versuche es zu reduzieren, obwohl ich es gewohnt und so erzogen bin. Man ist höflich und gibt die Hand. Aber wir sollten das möglichst vermeiden.

Sie machen sich als RKI-Präsident sehr fürs Händewaschen stark. Was bedeutet die Händehygiene jetzt, im Falle einer drohenden Pandemie?

Hacker: Das Robert-Koch-Institut ist schon seit einiger Zeit beteiligt an einer Kampagne zur Händedesinfektion in der Klinik, um Krankenhausinfektionen zu vermeiden. Außerdem haben wir vor einigen Wochen die Aktion „Wir gegen Viren“ gestartet, zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem Bundesministerium für Gesundheit. Das können wir jetzt gut brauchen. In der jetzigen Phase geht es darum, dass die Influenzaviren – wenn sie denn hier wären – an den Händen haften und durch Händeschütteln übertragen werden können. Auch wenn man mit den Händen Augen oder Nase berührt, ist eine Übertragung möglich, deshalb sollte man sich die Hände gründlich waschen. Aber das ist nur eine der Hygieneregeln, die wir verbreiten wollen. Dazu gehört auch, möglichst sich nicht anniesen zu lassen, nicht offen zu husten, sondern in den Ärmel, und beim Sprechen ein bisschen Abstand zu halten.

Das gilt dann aber eigentlich in jeder Grippesaison, oder?

Hacker: Genau. Das sind klassische Hygieneregeln, die aber jetzt besonders angewandt werden können.

Schweinegrippe – das klingt gefährlich. Ist eine Infektion mit dem neuen Virus schlimmer als mit dem humanen Grippevirus?

Hacker: Das wissen wir noch nicht so genau. Es gibt zwei Verlaufsformen, das ist eines der Rätsel, die uns diese Erkrankung aufgibt: In Mexiko scheint es sehr schwere Verläufe zu geben, in den USA und in Kanada und bei bisherigen Fällen in Europa sind leichte Verläufe gemeldet. Die Befunde dort sprechen nicht für eine besonders krankmachende Wirkung. Besorgnis erregend ist die Tatsache, dass das Virus recht gut von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Das Erbmaterial ist zusammengesetzt von Virenkomponenten, die wir aus dem Vogelbereich kennen und eben auch vom Schwein. Deshalb hat sich der Name irgendwie eingebürgert.

Wenn es schon so leicht von Mensch zu Mensch übertragen wird – müsste man dann nicht von einem humanen Grippevirus sprechen?

Hacker: Man könnte auch von einer neuen Variante reden. Aber Sie haben Recht, im Grunde humanisiert sich das Virus oder ist schon humanisiert.

In den USA sind die Erkrankungen nicht so stark. Heißt das, dass sich das Virus während der Ausbreitung abschwächt?

Hacker: Das Erbmaterial kann sich während der Ausbreitung verändern. Es kann sich abschwächen, es kann sich verstärken. Das ist im Moment aber Spekulation. Das Erbmaterial dieser Erreger ist sehr flexibel. Es ist durchaus möglich, dass wir mit weiteren Änderungen rechnen müssen. Gut ist, dass man das Virus bislang behandeln kann mit den bekannten antiviralen Medikamenten, den sogenannten Neuraminidase-Hemmern.

Wieso sind bislang vor allem junge Leute stark betroffen – und nicht so sehr kleine Kinder und ältere Menschen? Weil die Älteren geimpft sind?

Hacker: Darüber wird spekuliert – aber wir wissen nicht, worauf das zurückzuführen ist. Wir haben auch keine Hinweise darauf, dass der saisonale Impfstoff schützt. Es wäre schön, wenn es so wäre. Man kann spekulieren, dass es mit der Immunantwort zusammenhängt, die in bestimmten Altersgruppen unterschiedlich verläuft. Erklären können wir das bislang nicht.

Das spezifische Influenzamittel Tamiflu wirkt gegen die neue Virenvariante – hat aber einige Nebenwirkungen, oder?

Hacker: Man sollte sich sicher nicht selbst versorgen und das Mittel nur unter ärztlicher Aufsicht nehmen – gerade wenn man Nierenprobleme hat. Aber man sollte auch nicht wegen möglicher Nebenwirkungen prinzipiell die Medikation in Frage stellen. Wichtig ist, dass man es nicht ohne ärztliche Anweisung nimmt. Eine unvollständige Therapie in Eigenregie würde auch die Entstehung von Resistenzen fördern.

Wie schnell wird sich das Virus weltweit ausbreiten? Ist das eine Sache von Tagen? Wird das Influenzavirus die Welt noch in zwei Monaten beschäftigten?

Hacker: Es gilt das, was die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, sagte: Es ist ein Virus mit Potenzial. Es hat das Potenzial, ein pandemisches Geschehen auszulösen. Es gibt auch die Möglichkeit, dass es in regionalen Clustern verbleibt und sich auf lokale Ereignisse beschränkt. Im Moment ist es offen – beides ist möglich.

Auch wenn der ein oder andere Mexiko-Reisende das Virus mitbringt – dann muss es sich also nicht unbedingt in Deutschland verbreiten?

Hacker: Wir können nicht ausschließen, dass wir in Deutschland auch einzelne Fälle bekommen. Die Strategie ist, dass man es möglichst im lokalen Bereich eingrenzt, damit es nicht zirkuliert.

Einen Impfstoff zu entwickeln dauert Monate und nützt für die aktuelle Welle nichts mehr. Wieso tut man es trotzdem?

Hacker: Das Virus ist in der Welt – da muss man einen Impfstoff parat haben. Wir wissen aus vorhergehenden Fällen, dass es häufig zwei Wellen gibt. Da würde der Impfstoff auf jeden Fall nützlich sein.

Für wie gut halten Sie die Pandemie-Pläne der Bundesländer?

Hacker: Ich glaube, dass sie gut gemacht sind – realistisch und gut umsetzbar. Es gab ja auch Übungen dazu. In den Pandemie-Rahmenplänen können nur generelle Anleitungen stehen, sie müssen dann immer auf den Einzelfall heruntergebrochen werden. Aber die Pläne, die es gibt, lassen das gut zu. Aufklärung ist wichtig, das Vorhalten von Medikamenten ist wichtig, und für uns ist es auch sehr wichtig, dass das nationale Referenzzentrum für Influenza in der Lage ist, den Erreger schnell nachzuweisen. Das ist der Fall.

Noch hält sich die Hysterie in Grenzen. Wann müssten wir uns in Deutschland ernsthaft Sorgen machen?

Hacker: Man muss sich schon Sorgen machen, die Situation ist jetzt schon ernst. Man muss das als ernsthafte Bedrohung wahrnehmen. Aber das ist kein Grund für Panikaktionen. Aktionismus ist immer ein schlechter Ratgeber.

Würden Sie einen lange geplanten Mexiko-Urlaub jetzt absagen?

Hacker: Da verweise ich immer auf die Internet-Seite des Auswärtigen Amtes, die für solche Reisehinweise zuständig sind. Da ich im Moment keinen Mexiko-Urlaub plane, muss ich auch keinen absagen.

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