„Exkommunikation ist überholt“

Beim Katholikentag, der vom 28. Mai bis 1. Juni in Regensburg stattfindet, wird auch die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ teilnehmen. Dieses Mal wird sie ihre grundsätzliche Forderung nach einer Reformbereitschaft der Kirchenleitung anhand eines aktuellen Falls diskutieren. Vor einer Woche wurde bekannt, dass die österreichische Vorsitzende von „Wir sind Kirche“, Martha Heizer, zusammen mit ihrem Mann vom Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer exkommuniziert wurde. Der Grund: Sie haben in ihrem Haus eine Eucharistiefeier simuliert, privat ohne Priester gefeiert. Laut Kirchenrecht ist dies verboten. Magnus Lux vom Bundesteam „Wir sind Kirche“ hält diese Denkweise für überholt.

Frage: Die Amtskirche spricht im Fall Heizer von einem Rechtsbruch. Welche Argumente hält „Wir sind Kirche“ dagegen?

Magnus Lux: Wir werden jetzt keine große theologische Auseinandersetzung, vielmehr einen Dialog starten und versuchen, die Gläubigen zum Nachdenken anzuregen. Etwa darüber, dass das, was im Regelwerk der katholischen Kirche steht, sich erst im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat. Nach dem Kirchenrecht war diese Eucharistiefeier zwar nicht erlaubt. Aber ich kann deshalb nicht sagen, dass das, was nicht erlaubt ist, immer falsch ist. Was bei den ersten Christen richtig und gültig war, kann heute nicht grundsätzlich falsch sein. Was wir möchten, ist, den Menschen zu verdeutlichen: Schaut mal, ob die Sicht des Bischofs die richtige ist oder ob man nicht auch andere Sichtweisen berücksichtigen müsste.

Halten Sie die Exkommunikation für überholt?

Lux: Dieses Instrument ist seit 50 Jahren überholt, denn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil soll Kirche im Dialog geschehen und nicht einfach Glauben von oben dekretiert werden. Glauben orientiert sich am Neuen Testament. Deshalb kann die Kirchenleitung nicht einfach sagen: Dieses und jenes müsst ihr glauben, basta. Es geht doch darum, wie Glaube heutig werden kann. Das war ja auch das Anliegen von Papst Johannes XXIII., der das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat. Wie kann der Glaube in unserer heutigen Zeit gelebt werden?

Etwa so, wie es Familie Heizer lebte und es im Neuen Testament im Markus-Evangelium nachzulesen ist? Dort steht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Lux: Wenn dieser Satz fällt, wird von der Kirchenleitung sofort entgegnet, dass dies zwar stimmen würde, aber Jesus in ganz unterschiedlichen Formen mitten unter den Gläubigen sei – und der Eucharistiefeier müsse eben ein Priester vorstehen.

Und weil dies eben so festgelegt ist, hat Familie Heizer falsch gehandelt?

Lux: Sie hat etwas getan, was nach Auffassung der Kirchenleitung dem widerspricht, was sich in 2000 Jahren entwickelt hat und als das Richtige angesehen wird. Diesbezüglich muss man jedoch fragen: Wer hat das Gesetz aufgestellt? Das Kirchenvolk war jedenfalls nicht daran beteiligt. Und wem dient dieses Gesetz? Doch nur den Klerikern. Und wen schließt es aus? Alle Nichtkleriker.

Finden Sie es nicht merkwürdig, dass Gläubige mit der Exkommunikation bestraft werden und damit auf der gleichen Stufe wie Missbrauchstäter stehen?

Lux: Noch seltsamer ist, dass Priester, denen sexualisierte Gewalt vorgeworfen wird, bislang nicht exkommuniziert wurden. Menschen, die einen Hausgottesdienst feiern, werden dafür von den Sakramenten ausgeschlossen. Aber Sakramente sind eine Gabe Gottes an die Menschen und nicht eine Belohnung für Wohlverhalten. Im Grunde genommen können Exkommunizierte nicht einmal mehr beichten. Ich frage mich, was das soll.

Was „Wir sind Kirche“ jetzt am Fall Heizer diskutiert, gehört ja zu ihren ureigensten Anliegen.

Lux: Wir finden, Menschen sollen selber sagen, was sie für richtig halten, und Argumente finden, dass man auch anders denken kann, als es die römische Kirchenlehre vorschreibt. Es gibt etwa die Gewissensfrage. Laut Kirchenrecht musste Bischof Scheuer zwar so handeln, aber er hätte auch sein Gewissen befragen können. Immerhin spricht er, nachdem er die Exkommunikation angeordnet hat, von einer Niederlage der Kirche. Wäre es nicht besser gewesen zu überlegen: Moment mal, wie geht es nun weiter? Jetzt könnte ein Dialog starten – auf Augenhöhe. Und nicht: Ich bin der Bischof – und ich habe sowieso recht.

Möchten Sie die Hierarchie der Kirche aufbrechen?

Lux: Das Wort Hierarchie, also die „heilige Herrschaft“ gibt es im Neuen Testament nicht. Es geht immer um den Dienst an den Menschen. Das Argument der Kirchenleitung, dass die Tradition, also das, was sich im Lauf der Zeit entwickelt hat, immer richtig sei, ist nach meiner Auffassung falsch. Zeiten ändern sich, Systeme ändern sich. Wir müssen Formen finden, die der heutigen Zeit entsprechen. Papst Franziskus zum Beispiel möchte den übersteigerten Zentralismus aufbrechen.

Hätte er sich für die Exkommunikation entschieden?

Lux: Alles, was in der römischen Kurie geschieht, geschieht letztlich in seinem Namen. Deshalb kann ich nicht sagen, dass er sich womöglich anders als Bischof Scheuer entschieden hätte. Andererseits hat Papst Franziskus gesagt: „Wer sind wir, dass wir uns anmaßen dürften, Türen zu schließen, die der Heilige Geist öffnen will?“ Das ist ein wichtiges Wort. Er ist im positiven Sinne konservativ und nimmt wieder mehr Bezug auf das Zweite Vatikanische Konzil, von dem Erzkonservative sagen, dass die Bischöfe damals den Glauben verraten hätten. Das ist eine Unverschämtheit. Die Beschlüsse von einst kann man natürlich heute nicht eins zu eins umsetzen. Schließlich hat sich in 50 Jahren einiges geändert. Aber man kann das Konzil als Ausgangspunkt nehmen und überlegen: Was ist heute notwendig?

Wohl keine Exkommunikation für eine intensive Form persönlicher Frömmigkeit?

Lux: Die Hauskirche ist das Urmodell von Kirche. Ich halte es mit dem Theologen und katholischen Priester Paul Zulehner aus Wien. Er hat dazu gesagt, dass man das Ehepaar Heizer nicht exkommunizieren, sondern ordinieren sollte, denn sie hätten die besten Voraussetzungen dazu.

Magnus Lux

Der Diplom-Theologe und pensionierte Gymnasiallehrer aus Schonungen (Foto Winterhalter) gehört zum Bundesteam von „Wir sind Kirche“. Die Kirchenvolksbewegung wird am Katholikentag teilnehmen, der am Mittwoch in Regensburg beginnt, und dort parallel in der Oswaldkirche und Dreieinigkeitskirche einen „Katholikentag Plus“ veranstalten. Zu den „Gesprächen am Jakobsbrunnen“ kommt zum Beispiel am Samstag, 31. März, der Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach, Wunibald Müller, und redet über „Sexualität und Spiritualität“. Info im Internet: www.wir-sind-kirche.de

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