Würzburg

Kommentar: Eltern und Kinder brauchen eine Perspektive - jetzt!

Kitas bleiben geschlossen, der allgemeine Schulstart ist noch ungewiss, Unterstützung für Familien gibt es kaum. Kinder und Eltern sind am Limit. Das muss sich ändern!
Öffentliche Spielplätze, wie hier in Üchtelhausen (Lkr. Schweinfurt), sind seit vielen Wochen wegen der Ausbreitung des Coronavirus gesperrt.
Öffentliche Spielplätze, wie hier in Üchtelhausen (Lkr. Schweinfurt), sind seit vielen Wochen wegen der Ausbreitung des Coronavirus gesperrt. Foto: Josef Lamber

Dies ist die mittlerweile siebte Woche mit Ausgangsbeschränkungen, Homeschooling und Homeoffice. Die Kitas sind weiter geschlossen, die Schule hat zwar wieder begonnen, aber nur für die Abschlussklassen. Von den Lockerungen profitieren bislang nur Erwachsene, Kinder müssen weiter zurückstecken. Nach gut eineinhalb Monaten ohne Betreuung stoßen viele Familien an ihre Grenzen. Die Politik interessiert das bisher zu wenig. Es geht um die Gesundheit aller, um die Eindämmung des Virus, um die Rettung der Wirtschaft. Aber: Es geht nicht um Familien. Es geht nicht darum, wie es den Kindern geht – ohne Freunde, ohne Kontakte, ohne Schule, ohne Spielplätze, ohne Sport, ohne Schwimmbäder.

#CoronaEltern heißt ein Hashtag, unter dem Eltern auf ihre Probleme in sozialen Medien wie Instagram, Twitter oder Facebook aufmerksam machen. In einigen Bundesländern gab es erste Demonstrationen. Eltern werden allmählich laut, denn sie sind wütend, müde und desillusioniert. Sie haben keine Kraft mehr, ihren Job, Haushalt und die Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Eltern – vor allem Frauen und Alleinerziehende – sind besonders stark belastet. Einige haben wegen Corona schon ihren Job verloren oder bekommen weniger Gehalt, weil sie in Kurzarbeit sind. Sie haben Zukunftsängste und finanzielle Sorgen. Wie lange können Eltern diese Situation noch stemmen? Sie brauchen eine Perspektive.

Viele wissen nicht, wie es ohne Betreuung weitergehen soll

11,6 Millionen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind im Haushalt gibt es in Deutschland. Die meisten davon wissen nicht, wie es ohne Betreuungsangebote weitergehen soll. Wie sollen sie arbeiten gehen? Wie sollen sie ihre Mieten und ihren Lebensunterhalt bezahlen? Wie wird sich die soziale Isolation auf die Kinder auswirken? Was werden sie den ganzen Sommer lang tun, ohne Zugang zu Spielplätzen, ohne Sport, ohne Schwimmbäder, ohne Verabredungen. In einigen Bundesländern wird hier schon über Lockerungen diskutiert. Gut so! Dies sollte auch in Bayern geschehen. Denn auch hier leben viele Kinder in kleinen Wohnungen, ohne Garten oder Balkon. Nicht selten mit nur einem Elternteil.

Einige fragen jetzt bestimmt: Warum haben diese Menschen, die sich gerade so aufregen, überhaupt Kinder bekommen? Früher waren die Kleinen doch auch nicht in der Krippe oder im Kindergarten. Das ist doch kein Grund sich aufzuregen? Doch! Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf darf durch Corona nicht verloren gehen. Mütter und Väter wollen gleichermaßen wieder zur Arbeit gehen. Dass die bayerische Staatsregierung für drei Monate die Kita-Gebühren übernimmt, hilft den Familien zwar finanziell. Aber Eltern und Kinder brauchen mehr.

Die Sorgen und Nöte von Familien müssen stärker auf die politische Agenda kommen. Und zwar jetzt. Was wir brauchen, sind mehr Statistiken zu den Infektionsraten von Kindern und zu deren Rolle bei der Ausbreitung des Virus. Es müssen Leitlinien erarbeiten werden, wie die Betreuungssituation unter den gegebenen Bedingungen gestaltet werden kann.

Am Wichtigsten für Kinder sind soziale Kontakte. Wer Erwachsenen gestattet zum Friseur zu gehen, der sollte auch Kindern erlauben, sich mit wenigstens einem Freund zu Hause zu treffen. Momentan ist das ja nur im Freien erlaubt. Wer Baumärkte, Buchläden und Autohäuser öffnet, der sollte auch Spiel- und Sportplätze für Kinder nicht länger sperren. Vielleicht kann man auch in Kitas – ähnlich wie in den Schulen geplant – eine Betreuung im Schichtbetrieb anbieten? Vielleicht könnten Kitas und Grundschulen in diesem Sommer ihre Angebote ins Freie verlagern? Eltern und Kinder brauchen eine Perspektive. Und zwar jetzt!

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