Standpunkt: Riskanter Weg zur Doppelspitze

Die SPD hat in ihrer tiefen Verunsicherung einen denkbar komplizierten Weg zur neuen Parteispitze gewählt. Aus dem Verfahren spricht der Wunsch, jetzt bloß nichts falsch zu machen, möglichst „alle mitzunehmen“, wie es oft heißt. Eine Doppelspitze muss es zwar nicht zwingend sein, doch alles deutet darauf hin. Das Duo soll schließlich für einen neuen Teamgeist stehen und die unterschiedlichen Strömungen in der Partei versöhnen. Wie in einer Fernsehshow kann nun das sozialdemokratische Traumpaar gekürt werden, nach lebhaften Debatten auf bis zu 30 Regionalkonferenzen. Ein stetig Aufmerksamkeit erzeugendes Fest der innerparteilichen Demokratie, bei dem am Ende die 440 000 Mitglieder entscheiden – so stellen sie sich das vor bei der SPD.

Es besteht aber auch die Gefahr, dass es ganz anders kommt. Dass sich schon in der Findungsphase der Kandidaten-Duos und erst recht bei den zahlreichen Regionalkonferenzen der Eindruck einer zerstrittenen Partei verschärft, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigt, sich im ungünstigsten Falle selbst zerfleischt. Wichtige Fragen werden bei der SPD nun zwangsläufig monatelang offen bleiben. Fragen, auf die vor allem die Menschen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, die ja im Herbst ihre Landtage wählen, gerne Antworten hätten. Wer wird sein Kreuz bei einer Partei machen, von der er noch nicht einmal weiß, ob sie bald engagiert nach links rückt oder eher, nach dänischem Vorbild, einen Rechtsschwenk vollzieht? Bei der nicht einmal klar ist, ob sie die GroKo fortführt? In dieser Phase der Unsicherheit die SPD zu wählen, hieße ja, die Katze im Sack zu kaufen.

Dass der gewählte Weg zur neuen Spitze wirklich für Aufbruchsstimmung sorgt, ist jedenfalls nicht ausgemacht. Genauso gut kann er das bestehende Chaos noch vergrößern. Und dass der Findungsprozess am Ende nicht nur zwei strahlende Sieger produzieren wird, sondern auch eine ganze Menge frustrierter Verlierer, steht schon fest. Wenn es dumm läuft für das künftige Spitzenduo, muss es im Schatten eines Scherbenhaufens beginnen, der nach den drei wichtigen Landtagswahlen im Osten noch bedrohlicher geworden ist.

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