Standpunkt: Zu klein fürs große Amt

Der Himmel wird düster in Shakespeares „Macbeth“, als der König gemeuchelt wird. In Berlin dagegen blieb jetzt der Himmel blau, als Christian Wulff nach seiner Würde auch sein Amt verspielte. Erleichterung war spürbar, sogar bei seinen politischen Freunden. Zu lange hatte sich das Drama in Schloss Bellevue schon hingezogen. Wäre es weitergegangen, hätte manche(r) fürchten müssen, mit in den Abgrund gerissen zu werden. Um den penetranten Pfarrer Peter Hintze, der Wulff bis zuletzt eifernd verteidigte, wäre es allerdings nicht schade.

Dabei sah es zuletzt so aus, als habe Wulff das Schlimmste überstanden. Es schien, als könne er die Kritik an seiner Amts- und Lebensführung in bester Helmut-Kohl-Tradition aussitzen. Dazu fehlte aber die Bräsigkeit und der Rückhalt, die einst den schwarzen Riesen aus Oggersheim ausgezeichnet hatten.

Markanterweise waren es nicht die Medien, die Wulff zu Fall brachten, obwohl sie gewiss großen Anteil daran haben – und so (allen Schmähungen zum Trotz) ihre Pflicht als Wächter der Demokratie erfüllten. Der Staat selbst zwang das Staatsoberhaupt zum Rücktritt.

Vielsagend ist die Pressemitteilung, mit der die Staatsanwaltschaft Hannover ihre Ermittlungen bekannt gab: Darin wird betont, man habe „diese Entscheidung unabhängig nach intensiver kollegialer Beratung getroffen“. Warum muss man das so herausstreichen? Und erwähnen, dass es „Weisungen vorgesetzter Behörden nicht gegeben“ habe? Wohl deshalb, weil dies nicht selbstverständlich ist.

Das soll aber nicht die Tatsache schmälern, dass die Ermittler in Wulffs alter Landeshauptstadt Hannover ein starkes Zeichen gegen jene Nörgler setzen, die behaupten, wir leben in einer Bananenrepublik. Da gibt es keine Mauschelei, keinen Hannoveraner-Klüngel, kein „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“. Die Strafverfolger gehen ohne Ansehen der Person dem Anfangsverdacht nach, Wulffs Prinzip von Geben und Nehmen, sein Kungeln mit guten Freunden, sei nicht legal. Es gibt Ermittlungen – die auch mit der Einstellung des Verfahrens enden können, wenn sich der Verdacht nicht bestätigt.

Als erfahrener Politiker wusste der Bundespräsident aber, dass er darauf nicht warten konnte. Sein Ansehen war bereits so geschwunden, dass nur ein schneller Rücktritt dem Amt und ihm einen Rest von Würde ließ.

Im Nachhinein muss man sich fragen, ob Christian Wulff der richtige Mann für den Posten war: Von Anfang an schien er zu klein für die großen Schuhe des Staatsmannes – zu viel Parteisoldat, zu wenig unabhängig: eine schnelle Verlegenheitslösung nach dem überraschenden Rücktritt des beleidigten Horst Köhler – und ein Präsident von Angela Merkels Gnaden. Die muss nun nach Wulff ein drittes Kaninchen aus dem Zylinder ziehen.

Sein großes Thema als Präsident sollte die Integration werden. Stattdessen wurde es die Integrität. Die Vorwürfe gegen ihn kamen manchen Betrachtern wie kleinliche Erbsenzählerei vor. Aber am Ende ergaben viele Puzzleteile ein bedenkliches Profil. Das wollte nicht recht zu einem Amt passen, das von würdigen Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker oder Roman Herzog geprägt wurde.

Und so sehr nun an einer Dolchstoß-Legende gestrickt wird – Christian Wulff ist kein Opfer einer Intrige oder der Medien geworden. Sein nächtliches Jammern auf die Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs war ein gravierender Fehler, der kaum einem Amateur in einem unterfränkischen Gemeinderat passiert wäre. Seine Salamitaktik mit stückweisen Geständnissen stachelte die Neugier der Presse erst richtig an. Am Ende stolperte Wulff über die eigenen Füße, weil er sich so dilettantisch verteidigte.

Nun muss Angela Merkel einen präsidialen Kandidaten mit einwandfreiem Leumund suchen, der auch Opposition und Bürger überzeugt – eine Persönlichkeit, die dem beschädigten Amt das Ansehen wiedergibt. Diesem Kandidaten möchte man mit Shakespeares „Macbeth“ Mut machen: „Sei blutig, kühn und fest, lach aller Toren:/Dir schadet keiner, den ein Weib geboren“.

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