LESERANWALT

Analysen sind Meinung

Meinung-Nachricht
Achtung: Leser sollen es unterscheiden können - Auch in Korrepondentenberichten

Für Leser muss erkennbar sein, was Nachricht ist und was Meinung. Das kann sprachlich innerhalb eines Artikels gelingen, etwa bei Kultur-Rezensionen oder Sportberichten. Am eindeutigsten ist jedoch die klare Trennung. Die empfiehlt sich für politische Beiträge. Das heißt, Meinung wird eigens gekennzeichnet und von der Nachricht optisch abgesetzt.

 

Das Gebrüll des Chefredakteurs

In diesem Sinne argumentiert Leser D.B. aus dem Kreis Rhön-Grabfeld in einer Zuschrift: „Als ich <…> den Text 'Partei ohne Alleinstellungsmerkmal‘ (Zeitung vom 31.7., siehe Foto) Ihres Berlin-Korrespondenten Martin Ferber gelesen habe, fiel mir sofort auf, dass eine der wichtigsten Grundregeln des <…> Journalismus grob verletzt worden ist: Die saubere Trennung von Nachricht und Kommentar.“ D.B. erinnert, er sei Jahrzehnte Redakteur in Süddeutschland gewesen. Hätte er so etwas abgeliefert, „das Gebrüll meines <...> Chefredakteurs hätten Sie wohl bis nach Würzburg gehört.“

 

Wertungen des Korrespondenten

D.B. bezieht sich auf einen Korrespondenten-Text wie man ihn zuweilen findet. Der Korrespondent analysiert eine aktuelle Situation. Beginnend mit der Überschrift liest man Wertungen:

"Die CSU ist nur ein Schatten ihrer selbst, hypernervös und völlig neben der Spur" oder "Neue Akzente hat die neue starke Frau, Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles, bislang noch nicht gesetzt, mit eigenen Themen ist sie nicht aufgefallen..." usw.

 

 

Main-Post Bericht vom 31.7.2018
Das ist eine Analyse des Korrespondenten in Berlin, also ein Meinungsbeitrag. Er ist aber gestaltet wie ein Bericht. Ric...

 

 

 

Nicht jeder sucht im Impressum

Das ist letztendlich Meinung eines der Korrespondenten vor Ort. Nur gekennzeichnet mit ihren Namen laufen eben zuweilen Korrespondenten-Beiträge, in die ihre Perspektiven und Empfindungen einfließen, so wie man es sonst von Reportagen oder Features kennt. Die dürfen dann aber nicht wie ein Bericht daherkommen. Erschließt sich eine - wie im vorliegenden Fall - nicht eigens gekennzeichnete Korrespondenten-Analyse als solche trotzdem der Leserschaft? Daran glaube ich nicht in jedem Fall. Nicht jede/r Leser/in wird wissen, dass der Autor Korrespondent ist oder im Impressum der Zeitung nach seinem Namen suchen.

 

Klarheit herstellen

So halte ich es wie D.B. nicht nur für besser, sondern auch für korrekt, wenn in der Überschrift Klarheit hergestellt wird. Etwa so: "Unser Berliner Korrespondent analysiert, was die SPD will". Damit wäre der häufig gemachte Vorwurf entkräftet, der da lautet, Nachricht und Meinung seien nicht getrennt oder Lesern solle Meinung als Nachricht untergejubelt werden. Transparenz kann, da es den Medien um Glaubwürdigkeit geht, derzeit nicht groß genug geschrieben werden.

 

Überflüssige Wertung

Ein anderes Beispiel verdeutlicht das und lässt dazu einen Fehler erkennen: "Spahns Rezept gegen Pflegenotstand" (Zeitung vom 2.8. siehe Foto) war ein Korrespondentenbericht überschrieben. Dazu steht daneben ein klar gezeichneter Kommentar. Überflüssig war es deshalb, in den Bericht noch Wertung einzustreuen, so wie eingangs geschehen ("Spahn lobt sich selber"). Das gibt dem sonst sachlichen Bericht eine Tendenz mit. Spahns Eigenlob zu erkennen, kann man getrost der Leserschaft überlassen.

 

 

Main-Post Bericht: Spahns Rezept gegen Pflegenotstand
Ein Korrespondentenbericht und ein gekennzeichneter Meinungsbeitrag dazu. Vorbildlich - wäre nicht die Bemerkung im Beri...

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Kommentare, Meinungen und Wertungen müssen als solche erkennbar sein" (2009)

"Transparenz, Baustein für Glaubwürdigkeit" (2017)

"Die überflüssige Ohrfeige" (2018)

"Fragen und Antworten die Fragen aufwerfen" (2018)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch: www.vdmo.de

Rückblick

  1. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  2. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  3. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  4. Die Straftat und der Verdacht
  5. Kräftige Worte von Marcel Reif
  6. Das war keine Würdigung
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  8. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  9. Meinungen ertragen lernen
  10. Keine Schablone über Redaktionen legen
  11. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  12. Konzeptionelles Nachdenken
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  16. Falsche Tatsache im Leserbrief
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  19. Geschmackssache: Foto von Merz
  20. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
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  26. Heiße Tage und Nächte
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  28. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  29. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  30. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  31. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  32. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  33. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  34. Reichweite ist nicht alles
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  36. Kritikwürdiges Boulevardstück
  37. Analysen sind Meinung
  38. Wer hat hier Kummer mit wem?
  39. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  40. Die überflüssige Ohrfeige
  41. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  42. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  43. Worte an WM-Desinteressierte
  44. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  45. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  46. Versuchte Einschüchterung
  47. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  48. Disskussionsmüll vermeiden
  49. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  50. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb

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