LESERANWALT

Auch Leugner haben das Wort

Deutsche zeigen sich für den Klimaschutz bereit zum Verzicht
Sympolfoto aus dem Archiv: Der . menschengemachte Klimawandel wird zuweilen geleugnet. Aber auch die, die den Einfluss der Menschen nicht oder nicht ganz anerkennen, genießen dabei Meinungsfreiheit. Das gilt, obwohl die große Mehrheit der Wissenschaftler den starken Einfluss der ... Foto: Christoph Schmidt (dpa)

Wer Leserbriefe in der Zeitung liest, wird gelegentlich mit Aussagen rechnen, die einer Überprüfung auf Richtigkeit nicht standhalten. Das gilt bei Nutzer-Kommentaren zu Onlineveröffentlichungen von Medien wohl gleichermaßen. Und das ist gut so. Können doch Redaktionen nur selten für deren Inhalt verantwortlich gemacht werden. Denn erst wenn es um schwere Beeinträchtigungen der Rechte Dritter geht, ist eine Pflicht zu eigenständiger Überprüfung des Inhalts gegeben, bei Leserbriefen wie Online-Kommentaren. Grundsätzlich wird in der Rechtsprechung Redaktionen aber nicht auferlegt, Leserzuschriften oder Nutzerkommentare vor der Veröffentlichung mit der gleichen Intensität zu prüfen, wie es bei eigenen Berichten geschehen muss.

 

Leser fragt: Falsche Fakten?

So einfach könnte ich einem Ochsenfurter Leser antworten, der gefragt hat, warum Leserbriefe aus seiner Sicht immer wieder nachweisbar falsche Fakten beinhalten. Ihm geht es um eine Zuschrift (Zeitung 18.10.: "Intelligente Lösungen für den Umgang mit der Erderwärmung entwickeln") in der es als Dogma bezeichnet wird, Klimawandel sei die vom Menschen gemachte Erderwärmung. Das lasse völlig außer Acht, dass es noch viele andere gewichtige Faktoren dafür gibt, wie z.B. eine gesteigerte Aktivität der Sonne. Der israelische Physiker Nir Shaviv habe herausgearbeitet, dass die Sonnenaktivität zu mindestens 50 Prozent für den aktuellen Klimawandel verantwortlich ist. So stand es in diesem Leserbrief.

 

Der widerlegte Wissenschaftler

Für den Ochsenfurter Kritiker entsteht durch diese Zuschrift der falsche Eindruck, dass namhafte Wissenschaftler Zweifel an den Ergebnissen des Weltklimarates und anderer Institute und Einrichtungen hegen und diese beweisen können. Und Shaviv sei in Wahrheit ein viel beschäftigter Aktivist und Klimaleugner. Er könne seine Theorien nur mit eigenen Grafiken und erfundenen Fakten verteidigen. Wörtlich: „Er 'berät‘ Parteien wie die AFD oder die Kohle-Lobby und ist vielfach widerlegt.“

 

Gedeckt durch Meinungsfreiheit

Recherchen bestätigen vielfach, dass Shavivs Darstellungen als wiederlegt gelten können (siehe auch aktuelle Klimaserie dieser Zeitung, dabei:"Klimawandelleugner: So kann man ihre Argumente entkräften"). Dennoch ist die auch veröffentlichte Überzeugung eines Leserbriefschreibers, dass die Menschen nur eine Teilschuld am Klimawandel treffe durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Rechte Dritter werden dadurch kaum beeinträchtigt.

 

Wenig Zeit für intensive Prüfung

Das Beispiel zeigt jedoch, warum kritische Aufmerksamkeit gegenüber in Leserbriefen und Leserkommentaren zitierten Feststellungen oder für die eigene Meinung bemühten Fakten wichtig ist. Ich gehe natürlich davon aus, dass solche Vorsicht ohnehin bei den meisten Lesern gegeben ist. Die Meinung der Redaktion geben die Zuschriften bekanntlich ohnehin nicht wieder. Und eine intensive Überprüfung kann aus zeitlichen Gründen nur selten stattfinden. So werden mit einiger Sicherheit nur offensichtlich falsche Fakten nicht veröffentlicht.

 

Der Idealfall: Die Einordnung

Ob die oft widerlegte Darlegung eines Physikers zur Erderwärmung aus einem Leserbrief gestrichen werden sollte, darüber lässt sich streiten. Damit wäre sie nämlich auch nicht aus der Welt geschafft. Und so ganz sollten sich Redaktionen ohnehin nicht von Verantwortung für Leserstimmen befreit sehen. Denn es bleibt ihnen immer eine Verpflichtung gegenüber allen anderen Lesern. Der Idealfall wäre es also, dass sie sich die Zeit nehmen, um fragwürdige, strittige oder schon widerlegte Feststellungen durch eine erklärende redaktionelle Anmerkung gleich beim Leserbrief einzuordnen. Darum habe ich mich hier bemüht.

Siehe frühere Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

"Falsche Tatsache im Leserbrief" (2019)

"Was nicht berichtet wurde" (2019)

"Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs" (2018)

"Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen" (2018)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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