LESERANWALT

Aufgeklebte Werbung einer Partei

Post-it
Klebzettel auf Zeitungsseite mit Wahlwerbung. Hier nur eine Illustration zum Schmunzeln zusammengestellt. In Wirklichkeit wird's gewiss professioneller ausschauen... Aber der Beitrag darf nicht zum Anzeigenmarketing geraten...

Wahlkampfzeiten beanspruchen Medien in hohem Maße. Sind sie überparteilich und unabhängig, dann bemühen sie sich, Parteien und Kandidaten möglichst gleich zu behandeln. Das erfordert ein aufwändiges konzeptionelles Vorgehen in Redaktionen und nicht nur da. Auch für den Werbeteil gibt es klare Vorschriften zu beachten. So werden in nächster Zeit Medien in Bayern besonders kritisch beobachtet, ob sie denn wirklich unparteiisch bleiben. Das umso mehr, je näher der Wahltermin rückt.

 

Vorbeugendes Beispiel

Mit der von Parteien und Kandidaten bezahlten und verantworteten Wahlwerbung haben Redaktionen nichts zu tun. Sie arbeiten unabhängig davon. Und auch für Leser muss bezahlte Werbung erkennbar getrennt von unabhängiger journalistischer Berichterstattung erscheinen. Das gilt für alle Medien. Dass es dennoch zu Missverständnissen kommen kann, zeigt das Beispiel einer Zeitung aus dem Jahr 2017. Vorbeugend und im Hinblick auf den Wahlgang in Bayern (14. Oktober) habe ich es dem Archiv des Deutschen Presserates entnommen (Akt.Z.: 0444/17/3).  Hier finden Sie Fall in Originalfassung im Archiv des Presserates.

 

Werbung auf dem Klebzettel

Eine Regionalzeitung in Nordrhein-Westfalen hatte eine ihrer Ausgaben mit einem Klebzettel auf der Titelseite ausgeliefert. Darauf war unter anderem zu lesen: „Wir bitten morgen um Ihr Vertrauen…“ Dazu wurden die Namen von Politikern genannt. Es ging um die Werbung einer Partei für die bevorstehende Landtagswahl. Ein Leser beschwerte sich beim Presserat, der Klebzettel habe eindeutig Wähler zur Stimmabgabe für zwei darauf genannte Kandidaten jener Partei am nächsten Tag bewegen sollen. Der Text werbe um Vertrauen. Es könne nicht sein, dass eine Zeitung ihre neutrale Position aufgebe, indem sie eindeutig Wahlwerbung für Kandidaten mache.

 

Etablierte Werbeform

Der Klebzettel, so erklärte der Leser, lasse sich nicht mit anderen Anzeigen vergleichen. Die seien als solche erkennbar. Dagegen kommt Widerspruch in der Stellungnahme der Zeitung: Der kritisierte Klebzettel („Post-it“ genannt) stelle eine Werbeform dar, die Kunden seit Jahren als etablierte Anzeigenform angeboten werde. Ein „Post-it“ sei auch für Leser auf den ersten Blick als Werbung erkennbar. So bedürfe es keiner Kennzeichnung als Anzeige. Deshalb lasse sich weder der Vorwurf der Wahlwerbung für eine Partei noch der Vermischung von redaktionellen und werblichen Inhalten aufrechterhalten.

 

Hinreichend deutliche Trennung

Auch aus Sicht der Presserates verstößt der Klebzettel nicht gegen das Trennungsgebot nach Ziffer 7 des Pressekodex. Die fordert, dass bezahlte Veröffentlichungen so gestaltet sein müssen, dass sie für Leser als Werbung erkennbar sind. Die Abgrenzung zum redaktionellen Teil kann dabei durch Kennzeichnung und/oder Gestaltung erfolgen. In diesem Fall stellte der Presserat fest, gebe es zwar explizit keinen Hinweis auf Werbung. Jedoch sei die Verbreitung als Klebzettel für einen durchschnittlich verständigen Leser eine hinreichend deutliche Trennung vom redaktionellen Produkt.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Essen sie den Festtagsbraten dort, wo er Ihnen schmeckt" (2007)

"Die Fleischwerbung im Bericht über einen Leichenfund" (2008)

"Wenn eine Fußballmannschaft hinter einer dicken Werbebande steht" (2009)

"Wie berühmte Fußballer und Vereine zu Verführern von Redaktionen werden können" (2011)

"Kandidaten vor der Wahl im Portrait: Überschriften sollen eine klare Linie erkennen lassen" (2013)

"Besonders im Wahlkampf schlägt Parteigängern und Interessensvertretern die Stunde" (2014)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

Rückblick

  1. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  2. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  3. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  4. Reichweite ist nicht alles
  5. Lehren für den Journalismus
  6. Kritikwürdiges Boulevardstück
  7. Analysen sind Meinung
  8. Wer hat hier Kummer mit wem?
  9. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  10. Die überflüssige Ohrfeige
  11. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  12. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  13. Worte an WM-Desinteressierte
  14. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  15. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  16. Versuchte Einschüchterung
  17. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  18. Disskussionsmüll vermeiden
  19. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  20. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  21. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  22. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  23. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  24. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  25. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  26. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  27. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  28. Pause zur Entspannung
  29. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen
  30. Quellenangaben gegen Fakes
  31. Unfall: Verharmlosende oder spaßige Überschrift vermeiden
  32. Die neue Lebensgefährtin ist nun als Nachricht durch
  33. Enttäuschung und Erwartung am Jahresende 2017
  34. Der Leseranwalt: Journalisten sollten nicht nur zu Ihnen reden, sondern auch mit Ihnen
  35. Zeit für Gespräche mit dem Publikum nehmen
  36. Journalistischer Respekt vor demokratischer Entscheidung
  37. Die Herausforderung: Vom Streit zum Dialog
  38. Rathaus kann Leserkritik nicht aushebeln
  39. Vertrauen einer Leserin enttäuscht
  40. Am Ende der Warteschleife ist Empathie gefragt
  41. Was Auszeichnungen und Fehler verbindet
  42. Transparenz: Baustein für Glaubwürdigkeit
  43. Eine Entschuldigung ist kein übertrieben humanitärer Akt
  44. Feuerwehrleute am Grab, die dort nicht gezeigt werden durften
  45. Eine schwierige Abwägung
  46. Interessenskonflikte von Autoren müssen erkennbar sein
  47. Leser vergibt "glatte Sechs"
  48. Warten auf die Frau in der Chefredaktion
  49. Kenntlich und unkenntlich, unwissend und wissend
  50. Ein Eingeständnis wäre gut gewesen

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