LESERANWALT

Das passt nicht: Huren in der Überschrift, Prostituierte im Text

Huren, Prostituierte ...
Wenn von "Huren" die Rede ist, muss es passen. Sonst sollte das Wort wegbleiben, wie in diesem Fall.
Ein Wort, wie es in der Boulevardpresse vorkommt, kritisiert Herr M.M.. Ihn stört es in einer Überschrift in der Zeitung vom 8. Juni: "Zwei tote Huren, ein Täter". „Huren“ sei ehrverletzend für Frauen dieses Gewerbes. M.M. erklärt, dass viele mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und in dieses Gewerbe gedrängt würden. Handelte es sich doch bei den Opfern um eine Rumänin und eine Chinesin. Manche Frauen würden aus Verzweiflung zu Prostituierten. Und: Ohne dieses Gewerbe gäbe es mehr Überfälle auf Frauen, argumentiert Leser M.M..
 

Das rechtfertigt der Bericht nicht

Wie dem auch sei, zumindest denke ich ebenfalls, dass die Verwendung der Bezeichnung "Huren" wenig schmeichelhaft ist. Sie ist eine Abwertung, die hier überdies für Opfer von Gewalttaten eingesetzt wird, die damit noch einmal posthum zu Opfern werden.
Der Bericht über zwei Tötungsdelikte rechtfertigt das Wort in der Überschrift ohnehin nicht (siehe folgendes Bild). Das Wort "Hure" kommt im Text überhaupt nicht vor. Handwerklich ist es für eine Redaktion nicht gerade überzeugend, wenn „Huren“ in der Überschrift prangt, obwohl im Bericht stets nüchtern von „Prostituierten“ die Rede ist. Angesichts dieser Zuspitzung verstehe ich den Vergleich von Herrn M.M. mit „Boulevardpresse“.

Zweit tote Huren, ein Täter - Zeitungsbericht vom 8.6.2017
Das abwertende Wort "Hure" in dieser Überschrift ist vom folgenden Bericht nicht gedeckt. Aus Main-Post vom 8.6.2017




Hier geht's zur Online-Fassung des Berichtes mit passender Überschrift: "Nach Mord an Prostituierten: Polizei geht von Serientäter aus" 


 

Nicht abwertend gemeint

In der zuständigen Redaktion erklärt man freilich, „Huren“ sei nicht abwertend gemeint gewesen. Würden sich doch manche Prostituierte selbst so bezeichnen, sogar ein Bundesverband von ihnen (und Bordellbetreibern) benutzt diesen Begriff. Und in Gleichnissen der Heiligen Schrift, vor allem im Alten Testament, ist er ebenfalls nachzulesen, keineswegs nur im abwertenden Kontext.
Hier Beispiele aus "evangelisch.de"
Oder auch aus der Kopie der Seite eines alten Buches


Kein Tabu

Es lassen sich gewiss weitere Auslegungen für einen Begriff finden, der natürlich kein Tabu im Journalismus sein darf. Zutreffend eingesetzt kann er selbstverständlich gebraucht werden. Aber es gibt wohl kaum eine Begründung, die die „Huren“ in der Überschrift über dem Beitrag vom 8.6. wirklich verzeiht. Denn in der Umgangssprache wertet das Wort ab, wird oft als Schimpfwort gebraucht. Hier passt es einfach nicht und wird vom Text nicht gedeckt.
 

Das Wort ist kurz

Aus redaktioneller Praxis heraus fällt mir aber doch noch eine banale Erklärung für die die „Huren“ in jener Überschrift ein: Das Wort ist kurz. Für „Zwei tote Prostituierte, ein Täter“ hätte der im Layout verfügbare Platz nicht gereicht. In der Notwendigkeit zur Kürze steckt eine Gefahr, wenn für die Zeitung unter Zeitdruck Überschriften gebastelt werden: Sie sollen mit Worten zum Lesen verführen, die müssen aber passen und stets zutreffen.
 

Das macht noch keine Boulevardpresse

Weil die „Huren“ über einem kleinen Bericht am Fuß einer Zeitungsseite standen, macht das allerdings noch keine „Boulevardpresse“. Das Wort ist mir in den folgenden Beiträgen über die mutmaßlichen Mordfälle an den beiden Prostituieren auch nicht mehr begegnet.

Überschriften waren schon immer ein Thema für Leser, damit auch für den Leseranwalt...
Hier eine Auswahl aus früheren Leseranwalt-Kolumnen zu Überschriften:
Unangemessene Herabwürdigung in einer Überschrift (2016)
Ein Kardinal geht in den Ruhestand, aber nicht in Rente (2016)
Trügerische Überschrift (2016)
Vom Bewusstsein für eine korrekte Überschrift im Stich gelassen (2016)
"Fette Beute" wird in der Überschrift zur Belastung für die Geschädigten (2015)
Über die Schwierigkeit, Empfindungen und die Würde des Menschen zu beurteilen (2014)
Artikel mit Selbstverständlichkeiten in der Überschrift überblättern viele Leser (2013)
Kandidaten vor der Wahl: Überschriften sollten eine klare Linie erkennen lassen (2013)
Nach Gewalttaten muss der Schutz von Opfern schon in der Sprache der Überschrift beginnen (2013).
Das falsche "Gefällt mir" in der Überschrift missfällt auch in Gänsefüsschen (2013)
Verständnis für einen schwulen Sozi und eine unverständliche Überschrift (2012)
Journalistisches Foulspiel: Der falsche Fall des Lothar Matthäus in einer Überschrift (2012)
 
Anton Sahlender, Leseranwalt

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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