Der Leseranwalt: Das Abscheuliche und der Auftritt des neuen Wirtschaftsministers

Leseranwalt
Im Allgemeinen lese ich die Kolumne 'Unterm Strich' mit großem Vergnügen“, schrieb mir der Lohrer Leser E.R. am 6. August. Er schränkte aber sogleich ein: Der heutige Beitrag von Frank Weichhan sei nicht nur unterm Strich, sondern auch unter der Gürtellinie und weit unter Main-Post-Niveau gewesen. Er bezog sich damit auf den glossierenden täglichen Beitrag auf der Titelseite.

Dann würdigt E.R. in höchsten Tönen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Denn ausgerechnet der war an diesem Tag, dort satirisch „behandelt“ worden. E.R. stellt klar: „Haltung, Auftreten und Leistung des neuen Wirtschaftsministers waren bisher beispielhaft. In auf diese primitive und degoutante (abscheuliche/eingefügt Leseranwalt) Art zu desavouieren (herabzuwürdigen/eingefügt Leseranwalt) ist einfach nur widerlich.“

Hier Auszüge aus dem „Abscheulichen“ vom 6. August: Guttenberg gehöre zu den gelackten Typen, „die wir schon früher nicht leiden konnten und im Pausenhof verklopft haben“. Wenn er mit seiner Angetrauten Stephanie bei Veranstaltungen wie den Wagnerfestspielen über den roten Teppich schwebe, werde das Paar schon als deutsche Ausgabe von Brad Pitt und Angelina Jolie gehandelt. Dass nichts ernst gemeint ist, erschließt der konstruierte Zusammenhang mit Billigfluglinien, die überlegen, in ihren Fliegern Toilettengebühren zu verlangen.

Ich habe E.R. geantwortet, dass auch sympathische Zeitgenossen in Satiren mal ein bisschen Hohn, Spott, ja sogar starke Übertreibungen ertragen müssen. Abscheuliches oder Widerliches konnte ich in dem Text vom 6. August nicht ausmachen. Doch Satiren sagen etwas aus. So lese ich eine Warnung – auch an die Medien – heraus, vor zu schnell verbreitetem Star-Ruhm.

Des Lesers Kritik zielt an dieser journalistischen Darstellungsform vorbei. Sie würde zutreffen, hätten sich jene Passagen in Nachricht oder Kommentar gefunden. Ich respektiere, wenn ihm der Beitrag nicht gefallen hat. Vielleicht liegt das an den bevorstehenden Wahlen.

Journalisten können Politiker nicht einteilen, in jene, die sie mal auf den Arm nehmen dürfen und in die Beispielhaften, bei denen das untersagt ist. Grundsätzlich gilt: Satire darf übertreiben, darf bissig sein und sogar ungerecht. Ich betone das an dieser Stelle häufig, weil nicht wenige Leser nach Glossen starke Dünnhäutigkeit an den Tag legen. Eine Zeit lang wurden sie von der Redaktion deshalb mit „Vorsicht Glosse!“ gekennzeichnet.

Ich meine, für Bundespolitiker wäre das unnötig. Die sehen es gern, Zielscheibe von Karikaturen oder Satiren zu sein. Auch daran lässt sich Bedeutung ermessen.

Ich bin ziemlich sicher, dass der Herr Minister zu Guttenberg schmunzelt, falls er jenes „Unterm Strich“ zum Lesen bekommt.

Rückblick

  1. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  2. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  3. Auch Leugner haben das Wort
  4. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  5. Eine Beteiligte hat berichtet
  6. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  7. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  8. Raser und ihre Fahrzeuge
  9. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  10. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  11. Was nicht berichtet wurde
  12. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  13. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  14. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  15. Fotografierte Zeitgeschichte
  16. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  17. Persönlichkeitsschutz verletzt
  18. Empfehlung für mehr Transparenz
  19. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  20. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  21. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  22. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  23. Niemand muss anonym informieren
  24. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  25. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  26. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  27. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  28. Die Straftat und der Verdacht
  29. Kräftige Worte von Marcel Reif
  30. Das war keine Würdigung
  31. Das Missverständnis mit der Zensur
  32. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  33. Meinungen ertragen lernen
  34. Keine Schablone über Redaktionen legen
  35. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  36. Konzeptionelles Nachdenken
  37. Amtsperson war früher
  38. Fußball kann man überblättern
  39. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  40. Falsche Tatsache im Leserbrief
  41. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  42. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  43. Geschmackssache: Foto von Merz
  44. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  45. Ungleichgewicht in Zahlen
  46. Nachgeholte Berichtigungen
  47. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  48. Ein Plädoyer für Transparenz
  49. Verpixeln oder nicht?
  50. Heiße Tage und Nächte

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