Der Leseranwalt: Für Smartphone und Sex auf der Titelseite hatten viele Leser kein Verständnis

Weil eine Reihe von Leserinnen und Lesern Kritik an der Platzierung eines Beitrags auf der Titelseite vom 9. Oktober geübt hat, komme ich darauf zurück. „Balzen mit dem Smartphone“ lautete dort die größte Schlagzeile. Es ging im Artikel um die sexuelle Bedeutung von Männerhandys, die Medienpsychologen der Universität Würzburg untersucht hatten.

Kritiker erklären, dass dieses Thema auf dem wichtigsten Platz der Zeitung nichts zu suchen hat. „Ihr seid zum Boulevardblatt geworden“, ärgerte sich ein Leser.

Für die Untersuchung, um die es geht, wurden 123 Männer und 229 Frauen zwischen 16 und 24 Jahren zu Wunsch-Handy und Beziehungsstatus befragt. Nach der Veröffentlichung einer Fachzeitschrift in den USA soll die Studie dort schon für Aufsehen gesorgt haben. Einen Satz zitiere ich aus dem Beitrag: „Das Handy ist mehr als ein Handy. Es ist auch ein sexuelles Signal und sagt etwas über die Fortpflanzungsstrategien seines Besitzers aus.“

Da verkneift man sich beim Lesen nur schwer ein ungläubiges Schmunzeln und den Reiz, Witze zu reißen. Darüber konnte auch der Eindruck entstehen, Sex und Smartphone in Kombination, seien als Ingredienzien des Boulevardjournalismus als Leseanreiz gedacht. Doch dieses Balzen um Leser erreichte im Internet, wo sich Nutzung messen lässt, mit insgesamt 2000 Klicks nicht gerade einen Spitzenwert. Aufmerksamkeit wie in den USA ist das noch nicht.

Berechtigt sind jedenfalls die Leserbeschwerden, meine auch ich. Bei allem Respekt vor den Wissenschaftlern: Mit gerade mal 352 befragten Personen mutet die Studie so belanglos an wie ihr Thema. Journalistisch ist der gut gemeinte Versuch nicht geglückt, in Zeiten von Kriegen und Seuchen zur Abwechslung mal wieder mit einem leichten, lokalen und erstaunlich anmutenden Thema die Seite eins aufzumachen. Doch mit diesem Platz ist gerade in solchen Zeiten wohl nicht zu spaßen. Das ungute Gefühl, das die Studie an diesem Platz bei einigen Lesern ausgelöst hat, haben die Würzburger Medienpsychologen nicht verdient.

Zwar findet sich der Kampf um Kobane mit Bild am 9. Oktober ebenfalls auf dem Titel sowie der Zeit zuvor und danach stets auf prominenten Plätzen. Dennoch hätte man gut daran getan, das „Handybalzen“ ins Innere der Zeitung zu platzieren. Auch dort wäre die erstaunliche Studie angemessen gewürdigt.

Festzuhalten ist, dass es auch in der Redaktionskonferenz kontrovers über die Platzierung des Beitrags diskutiert wurde. Wenn die Entscheidung noch einmal zu treffen wäre, könnte sie anders ausfallen.

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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