UNTERFRANKEN

Der Leseranwalt: Zu den bestens bekannten Pferdestärken eines Autos gehören die undurchschaubaren Kilowatt

Wann hält sich die Zeitung endlich an gesetzliche Vorschriften? Das fragt ein Würzburger Leser, der sich darüber ärgert, dass auf der Seite „Mobile Welt“ bei Leistungsangaben zu Fahrzeugen nur PS und nicht kW oder kW/PS genannt werden. Das verstößt aus seiner Sicht gegen Gesetzesvorschriften. „Von meiner Zeitung erwarte ich“, so fordert er, „dass sie sich an die Gesetzesvorgaben hält.“ Wenn nicht, müsse er das Ordnungsamt einschalten.

Ich bin dankbar für seinen Hinweis. Allerdings weise ich ihn meinerseits darauf hin, dass Ordnungsämter keinen Einfluss auf Berichte der Medien nehmen können. Das wäre ein Eingriff in das Grundrecht der Pressefreiheit. Die kW-Regelung entspringt dem Wirtschaftsverwaltungsrecht, genauer gesagt, dem Einheiten- und Zeitgesetz. Daran sind Medien in ihrer redaktionellen Berichterstattung nicht gebunden. Autohäuser dagegen müssen in ihrer Werbung kW-Werte mitteilen. Sonst drohen ihnen die Bußgelder, auf die der Leser auch die Redaktion warnend hingewiesen hat.

Tatsächlich haben die zuständigen Redakteure in ihren Kfz-Vorstellungen für Leistungen nur die traditionell bestens bekannten Pferdestärken (PS) angegeben. Grund: Die meisten Menschen können damit etwas anfangen, mehr als mit kW. Man muss ein Kilowatt erst mit 1,36 multiplizieren, um die Pferdestärken des Fahrzeuges zu ermitteln. Und wer es genau haben will, für den wird es kompliziert. Dem Internet habe ich die Umrechnung kW in PS mit dem Faktor 0,73549875 entnommen. Das heißt, ein PS sind 0,73549875 kW bzw. ein kW sind 1,359621617 PS. Hätten Sie das gewusst? Weil diesen Umrechnungsschlüssel vorwiegend Fachleute kennen, sehe ich in der unwirksamen Drohung des Lesers mit dem Gesetz eine Empfehlung.

Fazit: Nicht, weil es ein Gesetz will, das für Redaktionen nicht gilt, sondern weil ich es für wichtigen Service halte, gilt es kW-Unklarheiten stets journalistisch zu erschließen. Und das ist einfach. Also habe ich die zuständigen Kollegen gebeten, beide Angaben in ihre Fahrzeugvorstellungen aufzunehmen, etwa 100 kW/136 PS. Das kostet kaum Platz und ist hilfreich für Leser, denen in der Werbung, eben wegen des Gesetzes, oft alleine die kW-Werte begegnen. Stellen hinter dem Komma können redaktionell vernachlässigt werden. Im Sinne aller Leser bin ich den Kollegen dankbar, dass sie zugestimmt haben und bei redaktionellen Vorstellungen von Fahrzeugen künftig beide Leistungswerte angeben wollen. So bleibt auch einem Würzburger ein vergeblicher Gang zu Ordnungsamt erspart.

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