LESERANWALT

Der verbrämte Nazi-Vergleich

Gefährlich: Nazi-Vergleiche
Gefährlich: Weil meist höchst unpassend und falsch, Vergleiche mit dem Nazi-Staat von 1933 bis 1945

Berechtigt und zum Nachdenken geeignet ist das, was Herr H.W. der Redaktion schreibt. Am Samstag, 30.6., wurde er in der Zeitung auf einen Leserbrief aufmerksam, weil es darin um Österreich ging, aber auch weil er persönliche Ansichten der Schreiber dann nicht akzeptieren könne, wenn es zu Angriffen auf Personen oder ganze Völker komme.

 

Österreichische Politiker schwer belastet

Und das konnte an diesem Tag nicht nur er lesen:

  „Dass es gefährlich sein kann, sich in politischen Fragen bei einem österreichischen Politiker Rat zu holen, sollte jeder Deutsche mit ein wenig Wissen um die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre verinnerlicht haben. Nicht so unser bayrischer Ministerpräsident: Nach seinem Besuch in Linz beglückte er uns mit der Erkenntnis, dass der 'geordnete Multilateralismus‘ in Europa ausgedient habe.“  

Diese Passage hat Herrn H.W zu seiner Kritik veranlasst: Ein demokratisches Land (Österreich) und eine Menschengruppe (die Politiker) werde in die Nähe des schlimmsten Verbrechens der Weltgeschichte gebracht. Während man ähnliches aus dem Netz kenne, frage man sich, ob das auch in der Zeitung zu akzeptieren sei. Die Redaktion habe doch die Möglichkeit, verhetzende Kommentare nicht zu veröffentlichen. War es dem Personalmangel (Streik) zu verdanken, dass dieser Kommentar (siehe Kopie) "durchrutschte"?

Nazi-Vergleich Text aus Leserbrief
Erster Teil des kritisierten Leserbriefes...
Nazi-Vergleich: Teil2
Zweiter Teil des Leserbriefes mit dem kritischen Vergleich ....

 

 

 

 

 

 

Nicht justiziabel

Nein, die Veröffentlichung der kritisierten Passage ist keine Streik-Folge. Die Redaktion hat die Zuschrift als persönliche Meinung des Absenders bewertet. Sie argumentiert: Der Schreiber halte sich allgemein. Er nenne keine Namen und greife keine Person an. Und er argumentiere historisch. Der Inhalt sei auch nicht justiziabel. Ich füge dem erklärend hinzu, Leserbriefe müssen vor Veröffentlichung nicht mit derselben Aufmerksamkeit geprüft werden, wie journalistische  Beiträge. Meist bleibt dazu eben nicht die Zeit. Diese Bewertung, die dann gilt, wenn sich die Redaktion im Leserforum von den Inhalten ausreichend distanziert,  wurde schon in der Rechtsprechung deutlich. Siehe: (BVerfG, Nichtannahmebeschluss vom 25. Juni 2009 – 1 BvR 134/03, Rn. 67, juris).
 

Verbrämter Hinweis

Die Begründung der Redaktion ist richtig – aber trotzdem nur vordergründig. Tatsächlich findet sich kein verbotenes Wort in der veröffentlichten Zuschrift. Allerdings sage ich: Selbst wenn der Verweis auf die Nazi-Diktatur oder Adolf Hitler in dem Brief nur über deutsche Geschichte verbrämt daher kommt, ist klar: Gemeint sind die schrecklichen Jahre von 1933 bis 1945. Das unterstreicht in der Zuschrift noch ein Hinweis auf den 16. März 1945 in Würzburg, dem Tag des schrecklichen Bombenangriffs.

 

Das geht nicht

Natürlich darf man den 16. März oder die Nazi-Diktatur als Warnung vor Gefahren einsetzen, die mit Nationalismus einhergehen können. Was aber nicht geht, ist das, was Herr H.W. im Hinblick auf eine aktuelle Demokratie "auf das schrecklichste Verbrechen der Weltgeschichte" moniert hat. Dem füge ich hinzu: Egal ob man nun für oder gegen „Multilateralismus“ ist, ob man Nationalismus für eine Gefahr hält oder nicht – eine demokratische Regierung mit der Nazi-Diktatur zwischen 1933 und 1945 in Verbindung zu bringen, das ist mindestens unseriös und meist voll daneben. Kurzum: Es wäre besser gewesen, das Argument mit der Historie, das Österreichs Regierung schwer belastet und mit ihr Bayerns Ministerpräsident, aus dem Leserbrief zu streichen, so wie es sonst mit Nazi-Vergleichen geschieht. Egal ob digital oder vor dem Druck.

Frühere Leseranwalt-Kolumne zu Nazi-Vergleichen

"Zitate von Nazi-Größen sind in kritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte gerechtfertigt" (2012)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  2. Ein Plädoyer für Transparenz
  3. Verpixeln oder nicht?
  4. Heiße Tage und Nächte
  5. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  6. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  7. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  8. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  9. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  10. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  11. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  12. Reichweite ist nicht alles
  13. Lehren für den Journalismus
  14. Kritikwürdiges Boulevardstück
  15. Analysen sind Meinung
  16. Wer hat hier Kummer mit wem?
  17. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  18. Die überflüssige Ohrfeige
  19. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  20. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  21. Worte an WM-Desinteressierte
  22. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  23. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  24. Versuchte Einschüchterung
  25. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  26. Disskussionsmüll vermeiden
  27. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  28. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  29. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  30. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  31. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  32. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  33. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  34. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  35. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  36. Pause zur Entspannung
  37. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen
  38. Quellenangaben gegen Fakes
  39. Unfall: Verharmlosende oder spaßige Überschrift vermeiden
  40. Die neue Lebensgefährtin ist nun als Nachricht durch
  41. Enttäuschung und Erwartung am Jahresende 2017
  42. Der Leseranwalt: Journalisten sollten nicht nur zu Ihnen reden, sondern auch mit Ihnen
  43. Zeit für Gespräche mit dem Publikum nehmen
  44. Journalistischer Respekt vor demokratischer Entscheidung
  45. Die Herausforderung: Vom Streit zum Dialog
  46. Rathaus kann Leserkritik nicht aushebeln
  47. Vertrauen einer Leserin enttäuscht
  48. Am Ende der Warteschleife ist Empathie gefragt
  49. Was Auszeichnungen und Fehler verbindet
  50. Transparenz: Baustein für Glaubwürdigkeit

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