LESERANWALT

Der wachsende Anspruch an Schlagzeilen und die Suche nach dem Bleibenden

Schlagzeilen mainpost.de 30.12.15
Schlagzeilen, wie sie zeitweise am 30. Dezember 2015 das Angebot von mainpost.de eröffnet haben. Ständig kommen neue Meldungen hinzu und die Mischung verändert sich. Die Reihenfolge lässt meist erkennen, welche Nachricht am meisten aufgerufen wurde.
Schlagzeilen die Aufmerksamkeit erregen, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit sind besonders im Internet unverzichtbare Größen. Sie können für seriösen und glaubwürdigen Journalismus stehen. Doch wie funktionieren sie nebeneinander? Unbeschadet bleiben sie wohl nur dann bestehen, wenn sich Redaktionen mit ihren Inhalten, deren Gestaltung und Platzierung nicht überschätzen und keine Grenzen überschreiten. Es geht um den Erhalt wichtiger Werte. Die Gefahren sind riesengroß, angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit von der die digitalen Kanäle, damit alle Empfangsgeräte und deren Nutzer beherrscht werden. Das bedrängt den Journalismus und seine Werte, solche die in Kodizes bereits festgeschrieben sind und andere, die man in der veränderten Medienwelt noch festhalten sollte..

Ob sich nun noch jemand die Zeit nehmen kann, diesen Beitrag vom Anfang bis zum Ende zu lesen und Verlinkungen zu nutzen, das weiß ich wahrhaftig nicht?


Wie sich ein Wert ergibt

Warum ich dennoch so viel geschrieben habe? Weil es mir gefällt, zum Jahreswechsel gleich aus einem bemerkenswerten Essay der Medienprofessorin und Wirtschaftswoche-Chefredakteurin, Miriam Meckel, zitieren zu können. Sie hat mich damit dazu angeregt. Es würde mich freuen, wenn sich darin für den einen oder anderen Mediennutzer ein persönliches Rezept für 2016 finden würde:

„Nicht Print oder digital macht den wesentlichen Unterschied. Es ist das Verhältnis aus Zeit, die wir für ein Medium aufwenden, und der Zeit, die uns sein Angebot dank toller Texte und anregender Analyse abknapst, die es für uns wertvoll macht.“

Was die Zeit für das Lesen betrifft, so will ich daraus für mich einen guten Vorsatz machen. Ich empfehle ihn auch weiter: Es muss es nicht jede Schlagzeile sein. Es lohnt auf jeden Fall eine Suche nach dem Bleibenden, nach dafür geeigneten Beiträgen, solchen, die mehr geben können als das, was sich unter schnell wechselnden Schlagzeilen findet. 


Schlagzeilen von Gestern

Main-Post Titelseite vom 21.12.15
Es kann auf dem Titel einer Tageszeitung auch ein Sachthema sein. Nicht immer muss ganz vorne eine Schlagzeile Sensation...
Bleiben wir bei den Schlagzeilen: Die Geschwindigkeit, die gegenwärtig Redaktionen im Kommunikations-, Informations- und Nachrichten-Strom mitreißt und die sie mehr und mehr auch selbst bestimmen, lässt sich über einen Rückblick kenntlich machen:
Das war Gestern: So weit man als Zeitgenosse heute zurückdenken kann, haben Aufsehen erregende Schlagzeilen in erster Linie dazu gedient, einmal täglich Zeitungen damit zu verkaufen, vorwiegend solche, die auf der Straße ihre Käufer und Leser finden mussten: die sogenannten Boulevardblätter. Am ehesten haben Skandale, Unglücksfälle und Verbrechen für ihren Verkaufserfolg getaugt. Nach ihnen haben Reporter gejagt. Mehr noch, es galt der erste zu sein, der ein spektakuläres Ereignis dann ins Blatt gebracht hat. Bereits auf den Titelseiten wurden solche Reporter-Erfolge unübersehbar sichtbar gemacht.

Demgegenüber ging und geht es bei gedruckten Tageszeitungen bislang allemal noch zurückhaltender zu. Sie haben ihren festen Abonnentenstamm, müssen sich nicht täglich neu verkaufen. Sie haben Zeit zur Besonnenheit. Da darf es auf der Titelseite mitunter auch noch ein wichtiges Sachthema oder ein politisches Ereignis sein. Sie wollen damit nicht langweilen, aber auch an Auswahl und Platzierung werden schließlich Seriosität und Glaubwürdigkeit geknüpft. Das ist das Kapital des Journalismus.


Schlagzeilen, nicht nur einmal am Tag

Zurück zum Heute: Tageszeitungen werden bei ihren Angeboten im Netz aber von der Geschwindigkeit mitgerissen, sie setzen sich dabei gerne an die Spitze: Die Schlagzeilen, die Aufmerksamkeit erregen sollen, spielen nun auch für sie eine sehr entscheidende Rolle. Mit ihnen müssen sie im Netz bestehen, dort unter anderem direkt gegen Boulevardmedien, ja überhaupt gegen alle, die meinen, dort mitteilen zu müssen, was sie glauben, zu wissen.
Schlagzeilen am Heiligen Abend 2015 auf mainpost.de
Das war zeitweise am Heiligen Abend als Schlagzeile auf mainpost.de zu lesen. Eine Antwort auf die Frage, ob das wirklic...

Das erhöht die Anforderungen an Redaktionen immens. Und das nicht nur einmal am Tag. Die weltweite Konkurrenz wird rund um die Uhr zum Antreiber. Schlagzeilen und Angebote müssen mehrmals täglich (am besten noch nachts) erneuert und fortgeschrieben sein. Das möglichst in der für den jeweiligen Ausspielkanal in der idealen Form. Sonst – so wird befürchtet – bedienen sich Nutzer eben bei anderen Medien. Reichweite ginge dabei verloren. Das nährt Ängste, vielleicht wirtschaftlich in Zukunft nicht bestehen zu können. Das, obwohl sich journalistische Reichweite im Internet gegenwärtig (noch?) nicht wirklich rechnet. Aber die digitale Zukunft ist eben ohne erkennbare Alternative. Klar, Schlagzeilen werden deshalb immer wichtiger. Aber nicht alle. Und nicht um jeden Preis.

Liebenswerte menschliche Geschichten (hier ein Beispiel aus Bad Königshofen)
oder eigene Kommentare und Analysen (hier zum Jahreswechsel) ergeben so gut wie nie Schlagzeilen. Sie schaffen es selten zuvorderst in Internetangebote. Sie erreichen meist nur Interessierte, nicht aber jede/n. Diese Angebote muss man auf mainpost.de suchen oder unter "Meine Themen" Bereiche (etwa Meinung, Kultur oder die Regional) markieren, unter denen sie am wahrscheinlichsten aufzufinden sind. Das erfordet ein bisschen mehr Zeit, als gleich Schlagzeilen zu nutzen. Aber mit Zeit sollte man bei der Suche nach dem Bleibenden nicht geizen. 


Was Experten 2016 erwarten

Von Experten wird verdammt viel erwartet, darunter ständig neues, vielleicht bislang unbekanntes. Die Anforderungen, die damit verbundenen Veränderungen, aber auch die Unsicherheiten im Berufsbild des Journalisten lassen sich ganz gut ermessen, wenn man sich nun die Zeit nimmt und nachliest, was gerade Social-Media-Experten von 2016 erwarten. Da schreibt unter anderem Dennis Horn – Journalist und Dozent:

„Wir brauchen mehr und mehr Distributoren, deren Arbeit es ist, unsere Inhalte den Erfordernissen der verschiedenen Kanäle und Empfangsgeräte anzupassen.“

Distributoren? Damit können Zeitungsleser und manche User im Net noch wenig anfangen. Also füge ich bewusst hinzu, dass den Distributoren, als den Verteilern von Inhalten, über technische Kenntnisse hinaus, wohl auch ein gewisses Maß an journalistischer Verantwortung mitgegeben werden sollte. Denn wer in den Herstellungs- und Verteilungsprozess von Inhalten in die Medien eingebunden ist, trägt journalistische Verantwortung. Die Online-Welt, die trotz des Rechtes auf Vergessen wohl nichts mehr vergessen lässt, erfordert besondere Verantwortung und Regelungen. Es ist schwieriger geworden, Persönlichkeitsrechte zu wahren.
Das von Horn erwartete Anpassen der Inhalte an Kanäle  und Empfangsgeräte darf nicht missvertanden werden. Es kann nur veränderte und immer neue technische Darbietungungen der Inhalte betreffen. Dem Reiz, der sich in den für Zeitungsleute neuen Präsentationsformen verbirgt, darf dabei kein Wert geopfert werden. Ein Video oder Orginalton kann schneller mal Persönlichkeitsrechte antasten, als ein Text oder Bild. Dafür bedarf es einer Ausbildung.


Hoffentlich bald!

Der Anspruch an den Journalismus, seine Anpassung an technische Veränderungen und die notwendige Wirtschaftlichkeit lassen sich nicht leicht voneinander trennen. Niemand weiß genau, wohin sich der Anspruch angesichts der Vielzahl von Möglichkeiten und Angeboten entwickeln wird. Sicher ist zumindest, Seriosität und Glaubwürdigkeit werden weiterhin angestrebt (hier schon früher beschrieben) . Dazu gibt es auch "Journalistische Leitlinien". Ethische Grundsätze gelten vor allem in Redaktionen, die wie die Main-Post, noch gedruckte Tageszeitungen füllen. Dahinter steht die Hoffnung, dass diese Qualitäten im Informations- und Nachrichten-Durcheinander des Internets irgendwann besonders geschätzt und als Marke gesucht werden. Und die Erwartung, dass darüber die Bereitschaft wächst, dafür zu bezahlen und zwar genug, um guten Journalismus damit finanzieren zu können. Das hoffentlich bald.


Richtigkeit vor Schnelligkeit

Bleibt weiterhin die Frage: Wie erregt man Aufsehen, ist schnell, korrekt und bleibt doch seriös, wenn gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit abnimmt? Den journalistischen Schlüssel dazu, müssen Redaktionen selbst finden und in die Hand nehmen. Es sind eine Menge Schritte, die zum gewünschten Ergebnis führen können. Unter anderem besteht der Grundsatz, dass Richtigkeit stets vor Schnelligkeit geht, auch wenn die menschliche Aufmerksamkeitsspanne (nach einer Microsoft-Studie) mit acht Sekunden beziffert wird. Sie liege damit unter der eines Goldfisches.
Richtigkeit ist aber längst nicht alles. Ein Ziel muss die Wahrung und Sicherung ethischer Grundsätze bleiben.


Ein beispielhafter Mosaikstein

Ich nenne nur ein Beispiel für einen ethischen Grundsatz aus der Main-Post Redaktion, das ernsthaftes Bemühen zeigt. Trotz des stetigen Drangs nach schneller Berichterstattung über schlimme Unglücksfälle, von denen die best genutzten Schlagzeilen im Internet leider allzusehr dominiert werden, wird Rücksicht auf Hinterbliebene von Unfallopfern genommen: Über tödliche Unfälle wird erst dann berichtet, wenn es eine offizielle Bestätigung der Polizei dafür gibt. Diese Unfälle werden von Main-Post Journalisten grundsätzlich nicht über soziale Netzwerke verbreitet. Leid von Angehörigen soll nicht verstärkt werden und sie sollen vom Unglück möglichst nicht zuerst über die Main-Post erfahren.
Das ist nur Ein Mosaikstein. Es müssen noch sehr viel mehr werden.

Ich wünsche Ihnen:
Ein hoffentlich wieder zunehmend friedvolles 2016,
keine unliebsamen Unterbrechungen von guten Gedanken,
viele erbauliche Lesefreuden, die über den Moment hinaus bedeutsam bleiben -
auch aus der Main-Post-Redaktion ...

Anton Sahlender, Leseranwalt

Rückblick

  1. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  2. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  3. Was nicht berichtet wurde
  4. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  5. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  6. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  7. Fotografierte Zeitgeschichte
  8. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  9. Persönlichkeitsschutz verletzt
  10. Empfehlung für mehr Transparenz
  11. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  12. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  13. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  14. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  15. Niemand muss anonym informieren
  16. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  17. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  18. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  19. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  20. Die Straftat und der Verdacht
  21. Kräftige Worte von Marcel Reif
  22. Das war keine Würdigung
  23. Das Missverständnis mit der Zensur
  24. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  25. Meinungen ertragen lernen
  26. Keine Schablone über Redaktionen legen
  27. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  28. Konzeptionelles Nachdenken
  29. Amtsperson war früher
  30. Fußball kann man überblättern
  31. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  32. Falsche Tatsache im Leserbrief
  33. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  34. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  35. Geschmackssache: Foto von Merz
  36. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
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  39. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  40. Ein Plädoyer für Transparenz
  41. Verpixeln oder nicht?
  42. Heiße Tage und Nächte
  43. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  44. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  45. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  46. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  47. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  48. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  49. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  50. Reichweite ist nicht alles

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