LESERANWALT

Die Vergebung und der Journalismus

Engagiert: Rais Bhuiyan beim Gespräch in Würzburg. Foto: Thomas Obermeier
Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel werden auch Journalisten traditionell besonders nachdenklich. Sie machen sich Gedanken über Gott und die Welt. In einigen Fällen regen sie Hörer oder Leser dazu an, es ihnen gleich zu tun und sich zu besinnen. Manchmal nimmt man Journalisten ihre frommen Wünsche ab, manchmal nimmt man sie garnicht zur Kenntnis. Werden doch bald arg viele ihrer Betrachtungen auf dem Markt sein. Nach zwei oder drei davon ist oft des Menschen Bedarf an publizistischer Sinnstiftung gedeckt. Mir liegt nicht daran, auch nur eine Zeile davon zu verhindern oder gute Gedanken herabzuwürdigen. Nur eine Empfehlung liegt mir am Herzen.

Bhuiyan Interview Überschrift
So war das Interview mit Rais Bhuiyan in der Zeitung überschrieben

Meine Empfehlung

Veranlasst sehe ich mich, auf ein Interview hinzuweisen, dessen Botschaften authentisch sind. Die Geisteshaltung, die daraus spricht, entspringt schwerem eigenem Schicksal. Der Absender, Rais Bhuiyan, verteilt nicht nur Botschaften in alle Welt, er lebt sie selbst. Nur wenige, so schwer wie er vom Schicksal getroffene Personen, sind dazu gleichermaßen in der Lage. Seine bemerkenswerte Humanität teilen leider noch nicht einmal die Menschen, den es leichter fallen müsste, weil sie selbst nicht von Terror oder anderen Straftaten betroffen sind.

So empfehle ich allen, die es übersehen haben, das Interview

„Kann man einem Amokläufer vergeben“

(gedruckt erschienen, Donnerstag, 17. September 2015, Seite 6), nachzulesen. Die Journalistin, die es geführt hat, ist selbst tief beeindruckt. Sie sagt, dass sie noch sehr lange darüber nachzudenken habe. Zeit solle man sich dafür nehmen. Die habe Bhuiyan auch gebraucht.

Was er sagt, lebt er selbst

Bhuiyan zu Flüchtlingen
Bhuiyan zu Fllüchtlingen
Ich hebe das Interview aus drei Gründen aus den Gesprächen heraus, die übers Jahr verbreitet worden sind:
Erstens, weil es Journalisten nicht alle Tage gelingt, ungewöhnliche Menschen zu treffen, die wie Rais Bhuiyan, glaubwürdig sind. Er verbreitet mehr als bloße Willenserklärungen. Was er sagt, lebt er selbst. Viele seiner Worte sind nachhaltig. Sie bleiben zitierfähig.
Zweitens: Mit dem Interview wurde die unmittelbare Darstellungsform gewählt, mit der Bhuiyan am besten erklären kann, weshalb er heute nicht nur einem Terroristen vergibt..Wörtlich sagt er:

„Vergebung ist etwas Persönliches. Ich kann niemanden dazu bringen zu vergeben. Es muss von innen kommen…“

Basis des Journalismus

Drittens: Humanität ist Basis für Journalismus in freiheitlich demokratischen Staatswesen. Alle Kodizes weisen diesen Weg, der im Grundgesetz beginnt und in die Europäische Menschrechtskonvention führt. Das bedeutet nicht, dass Unmenschliches aus Medien verbannt wird, geschweige denn, verbannt werden kann. Jedenfalls nicht, solange es in der Realität existiert. Das heißt aber, der Journalismus selbst muss human sein. Es gibt keine zwangsläufige Bindung an Religionen. Journalismus sollte ganz grundsätzlich den Menschen dienen.

Ich weiß nichts besseres

Was Menschen dient, darüber lässt sich lange reden und kontrovers diskutieren. Sie dürfen das tun. Wenn das geschieht, ist das eine Menge. Meine Journalismus-Beurteilung endet freilich an dieser Stelle. Gerne beschließe ich sie mit Worten von Rais Bhuiyan, dem Friedensaktivisten:

„Wenn man auf das blickt, was in der Welt passiert – Leiden, Krieg, Hass – dann brauchen wir etwas, das uns ermutigt, diesen Kreis aus Verbrechen und Rache zu durchbrechen."

Ein Teufelskreis. Er meint, Vergebung könne ihn durchbrechen. Ich weiß nichts besseres...

Anton Sahlender, Leseranwalt

Rückblick

  1. Empfehlung für mehr Transparenz
  2. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  3. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  4. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  5. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  6. Niemand muss anonym informieren
  7. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  8. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  9. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  10. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  11. Die Straftat und der Verdacht
  12. Kräftige Worte von Marcel Reif
  13. Das war keine Würdigung
  14. Das Missverständnis mit der Zensur
  15. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  16. Meinungen ertragen lernen
  17. Keine Schablone über Redaktionen legen
  18. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  19. Konzeptionelles Nachdenken
  20. Amtsperson war früher
  21. Fußball kann man überblättern
  22. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  23. Falsche Tatsache im Leserbrief
  24. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  25. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  26. Geschmackssache: Foto von Merz
  27. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  28. Ungleichgewicht in Zahlen
  29. Nachgeholte Berichtigungen
  30. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  31. Ein Plädoyer für Transparenz
  32. Verpixeln oder nicht?
  33. Heiße Tage und Nächte
  34. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  35. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  36. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  37. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  38. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  39. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  40. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  41. Reichweite ist nicht alles
  42. Lehren für den Journalismus
  43. Kritikwürdiges Boulevardstück
  44. Analysen sind Meinung
  45. Wer hat hier Kummer mit wem?
  46. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  47. Die überflüssige Ohrfeige
  48. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  49. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  50. Worte an WM-Desinteressierte

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