LESERANWALT

Die überflüssige Ohrfeige

Schallende Ohrfeige
Auch eine schallende verbale Ohrfeige wertet. Deshalb sollte sie in Nachrichten besser wegbleiben.

Wenn eine Person verbal eine „schallende Ohrfeige“ bekommt, so beschreibt das bildhaft, dass es sich um eine heftige öffentliche Kritik, ja um eine Beschuldigung handelt. Noch nicht erkennbar wird daraus, ob es die verbale Ohrfeige zurecht oder zu Unrecht gesetzt hat. Damit wäre ich beim Thema einer Leserkritik. Sie bezieht sich auf den nachrichtlichen Beitrag  „Empörung über Seehofer“ , erschienen in der Zeitung am 13. Juli. - Online: Schmidt: Seehofer hat "keine Ehre".

 

Schmidt: Zum Fremdschämen

In diesem Zeitungsbeitrag (siehe Kopie) ging es unter anderen um einen Offenen Brief der Nürnberger SPD-Politikerin Renate Schmidt. Das Schreiben ist ist als eine „schallende verbale Ohrfeige“ für Innenminister Horst Seehofer bewertet. Frau Schmidt warf Seehofer bekanntlich vor, „Ihr Verhalten ist zum Fremdschämen“ und attestierte ihm, dass „bei Ihnen offenbar jeder Anflug von Humanität auf der Strecke geblieben ist“.

Empörung über Seehofer. Main Post vom 13.7.18
Main-Post Meldung vom 13. Juli in der Kritik. Es geht um die "schallende verbale Ohrfeige", die ein Leser als negativ be...

 

Der Kontrast

Der Leser stellt in seiner Zuschrift zur verbalen Ohrfeige in dem nachrichtlichen Bericht fest: Das ist leider schon wieder eine negativ bewertende Äußerung. Warum erklärt er mit einem Beispiel. Denn umgekehrt hätte der Verfasser schreiben können: „Jetzt muss auch noch die fast 75-jährige Renate Schmidt, frühere SPD-Bundesminsterin, ihren Senf dazu geben.“ Darin erkennt er im Kontrast zur Ohrfeige, „(durch Übertreibung veranschaulicht) ebenfalls eine negativ wertende Äußerung.“

 

Bildliche Beschreibung

Das Kontrastbeispiel des Lesers zur "schallenden verbalen Ohrfeige" spitzt zu, hinkt aber als Vergleich. Denn einen „Senf dazugeben“ wertet jede Botschaft des Absenders direkt ab. Das kann man von der „schallenden Ohrfeige“ so eben nicht sagen, weil sie lediglich eine Handlung bildlich beschreibt, diese aber nicht bewertet. Das heißt, es ist in der Nachricht nicht gesagt, ob der Brief von Frau Schmidt nun gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Es wird lediglich deutlich, dass ihre Kritik heftig ist, weil die Ohrfeige eben als schallend bezeichnet wird.

 

Zu viel Bewertung

Trotz dieser semantischen Betrachtung halte auch ich die schallende verbale Ohrfeige in einer Nachricht mit journalistischen Grundsätzen kaum vereinbar. Da stimme ich dem kritischen Leser zu. Denn auch in ihr steckt schon zu viel Bewertung. Die Botschaft daraus kann zwar individuell unterschiedlich empfangen werden, je nachdem, wo die eigenen politischen Sympathien liegen. Grundsätzlich ist sie aber für die meisten Leute eher negativ belegt, negativ für die Person, die die Ohrfeige bekommt. Deshalb hätte sie wegbleiben sollen.

 

Worte mit Bedacht wählen

Die nüchterne Nachricht wäre eindeutig genug gewesen. Nur in einem Meinungsbeitrag hätte die Ohrfeige Berechtigung. Gegenwärtig ist erhöhte journalistische Sensibilität gerade bei der Wortwahl wichtig. Denn wer verstärkt Worte kritisiert, die Politiker gebrauchen, sollte selbst die eigenen mit Bedacht wählen.  Unabhängiger Journalismus darf nicht spalten, sondern möglichst alle Menschen erreichen können. Wenn Einseitigkeit schon in Nachrichten auftritt, funktioniert das nicht.

Siehe zu diesem Thema auch die Kolumne der vergangenen Woche:

"Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt"

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Auch Leugner haben das Wort
  2. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  3. Eine Beteiligte hat berichtet
  4. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  5. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  6. Raser und ihre Fahrzeuge
  7. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  8. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  9. Was nicht berichtet wurde
  10. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  11. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  12. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  13. Fotografierte Zeitgeschichte
  14. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  15. Persönlichkeitsschutz verletzt
  16. Empfehlung für mehr Transparenz
  17. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  18. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  19. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  20. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  21. Niemand muss anonym informieren
  22. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  23. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  24. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  25. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  26. Die Straftat und der Verdacht
  27. Kräftige Worte von Marcel Reif
  28. Das war keine Würdigung
  29. Das Missverständnis mit der Zensur
  30. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  31. Meinungen ertragen lernen
  32. Keine Schablone über Redaktionen legen
  33. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  34. Konzeptionelles Nachdenken
  35. Amtsperson war früher
  36. Fußball kann man überblättern
  37. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  38. Falsche Tatsache im Leserbrief
  39. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  40. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  41. Geschmackssache: Foto von Merz
  42. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  43. Ungleichgewicht in Zahlen
  44. Nachgeholte Berichtigungen
  45. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  46. Ein Plädoyer für Transparenz
  47. Verpixeln oder nicht?
  48. Heiße Tage und Nächte
  49. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  50. Transparenz für das redaktionelle Konzept

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