LESERANWALT

Ein Leser, der sich bedroht fühlt

Das Grundgesetz schützt die Meinungsfreiheit. Und der Rechtsstaat muss Menschen schützen, die ihre Meinung äußern. Aber wer seine Meinung sagt, sollte dazu stehen und selbst auch verantworten können, was er gesagt hat. Foto: Jens Kalaene, dpa

Auch Meinungsfreiheit unterliegt Regeln. Die gelten auch für Leser R.M., der in einem Schriftwechsel mit mir eine irrige Auffassung vertritt: Die Anforderung, Leserbriefe in der Zeitung nur zu veröffentlichen, wenn sie Namen und Wohnort des Absenders (nicht Straße) enthalten, sei nicht mit dem Datenschutzgesetz vereinbar. Dem Einsender müsse freigestellt sein, ob seinem Brief diese Angaben mitgegeben werden.

 

Sorgen des Lesers

Der Mann begründet seine Auffassung wie folgt: Bei manchen Themen hält er es für kein Problem, den Namen anzugeben, etwa beim Klimaschutz. Anders sei es, wenn es um Antisemitismus und Islamismus gehe. Schreibe man negativ über den Islam, könne ein Fanatiker dem Schreiber womöglich Schaden zuzufügen, weil – so wörtlich - „ich in dem Leserbrief <...> Dinge geschrieben habe, die ihm nicht passen, auch wenn sie der Wahrheit entsprechen.“ Sorge halte ihn deshalb davon ab, einen Leserbrief zu verfassen.

 

Redaktionsgeheimnis

Ich habe versucht, R.M. zu beruhigen. Bleibt doch seine genaue Anschrift streng gehütetes Redaktionsgeheimnis. Das war ihm nicht genug, weil er nicht zu Unrecht annimmt, dass genaue Anschriften beispielsweise über Google leicht zu ermitteln sei. Trotzdem habe ich erklärt, dass die Redaktion grundsätzlich keine Leserbriefe anonym abdruckt.

 

"Wie in einer Diktatur"

Nach dieser Ablehnung wurde R.M. deutlich. Das seien Methoden wie in einem „Nicht-Rechtstaat“. Denn niemand wolle seine Meinung veröffentlicht haben, wenn ihm dadurch ein Attentat oder große Nachteile geschäftlich und beruflich drohen. Genauso sei es doch in einer Diktatur. Zu sagen, was ihnen am Herzen liegt, sei somit Lesern praktisch auch hier unmöglich gemacht.

 

Mit dem Namen zur Meinung stehen

Diese Logik mag erstaunen. Da konstruiert jemand über seine Ängste in das Grundrecht der freien Meinungsäußerung diktatorische Zustände hinein. Deshalb halte ich fest, was auch nachlesbar ist: Oft genug erscheinen in der Zeitung kritische Stimmen – auch gegen Islam oder Antisemitismus - zu denen Leser mit ihren Namen stehen. Der gehört einfach zur Meinungsäußerung (die selten unwiderlegbare Wahrheit ist) so wie das Grundvertrauen in den Rechtsstaat. Das sollte nicht verloren gehen. 

 

Redaktionelle Mitverantwortung

Es ist auch Anerkennung des Rechtsstaats, wenn die Redaktion keine herabwürdigenden, keine nicht nachprüfbaren oder keine erkennbar falschen Behauptungen und damit auch keine antisemitischen Texte veröffentlicht. Die Redaktion sieht sich dafür in der Mitverantwortung. Das schützt auch Absender, der allerdings selbst auch in der Verantwortung für seine Meinung bleibt. Deshalb gelten die genannten Regeln auch für Kommentare unter digitalen Beiträgen, die mit Fantasienamen (Absender der Redaktion bekannt) erscheinen. Ein digitaler Umgang mit Meinungsäußerungen, dem man durchaus kritisch gegenüber stehen kann.

Fazit: Bislang kenne ich keine Absender, die als Folge ihrer hier verbreiteten Meinung ernsthaft Schaden genommen haben. Zugegeben: Man muss immer darauf vertrauen können, dass das so bleibt.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser" (2018)

"Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs" (2018)

"Versuchte Einschüchterung" (2018)

"Das Missverständnis mit der Zensur" (2019)

"Falsche Tatsache im Leserbrief" (2019)

"Meinungen ertragen lernen" (2019)

"Auch Leugner haben das Wort" (2019)

"Typisch Internet: Offene Worte unter verdeckten Namen" (2009)

"Auch im Schutz von Fantasienamen dürfen andere Menschen nicht in den Dreck gezogen werden" (2010)

"Wo die Begegnung von Klarnamen aus der Zeitung mit Online-Pseudonymen Ärger bereitet" (2011)

"Leserbriefe dürfen nicht an Dritte weitergegeben werden" (2011)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Erkennen Sie, was Nachrichten mit ihrem Gehirn machen
  2. Wer die Verantwortung trägt, entscheidet
  3. Redaktionelle Entscheidungen überprüfen
  4. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  5. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  6. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  7. Auch Leugner haben das Wort
  8. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  9. Eine Beteiligte hat berichtet
  10. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  11. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  12. Raser und ihre Fahrzeuge
  13. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  14. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  15. Was nicht berichtet wurde
  16. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  17. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  18. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  19. Fotografierte Zeitgeschichte
  20. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  21. Persönlichkeitsschutz verletzt
  22. Empfehlung für mehr Transparenz
  23. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  24. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  25. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  26. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  27. Niemand muss anonym informieren
  28. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  29. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  30. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  31. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  32. Die Straftat und der Verdacht
  33. Kräftige Worte von Marcel Reif
  34. Das war keine Würdigung
  35. Das Missverständnis mit der Zensur
  36. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  37. Meinungen ertragen lernen
  38. Keine Schablone über Redaktionen legen
  39. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  40. Konzeptionelles Nachdenken
  41. Amtsperson war früher
  42. Fußball kann man überblättern
  43. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  44. Falsche Tatsache im Leserbrief
  45. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  46. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  47. Geschmackssache: Foto von Merz
  48. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  49. Ungleichgewicht in Zahlen
  50. Nachgeholte Berichtigungen

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